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Hamlet-Projekt : Dänen lügen nicht

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Vorantreiber eines manischen Projekts: Herbert Fritsch zerlegt Hamlet im Internet Bild: Diana Küster

Gespielt hat er ihn nie, aber der Schauspieler Herbert Fritsch hat den „Hamlet“ in drei Teile zerlegt, ins Internet gestellt und in 57 Kurzfilmen barock wuchern lassen: „hamlet_X“, ein Projekt von charmantem Wahnwitz.

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          Mehr als sechzig Hamlet-Verfilmungen soll es inzwischen geben. Von Inszenierungen ganz zu schweigen. In Stuttgart wird der Dänenprinz durch Nazimorast gezogen, in Berlin durch „13 musikdramatische Tableaux“. Hamlet ist allgegenwärtig. Hamlet ist der moderne Mensch. Hamlet ist Ödipus. Hamlet ist eine Maschine, und Shakespeare hat sie in Gang gesetzt, 1598, auf Grundlage einer Wikingersage, wilder, blutrünstiger, matriarchaler als das Stück. Wenn man so will, hat Shakespeare den Hamlet kultiviert und damit die Zerrissenheit des Individuums, seine Entscheidungsschwäche und den ganzen Wahnsinn, zu dem das führen kann. Ein guter Anlass, hier endlich einmal über Herbert Fritsch zu sprechen.

          Etwas Wahnwitziges hat das Werk des ehemaligen Volksbühnen-Schauspielers, der seit knapp zehn Jahren Kurzfilme rund um, vor allem aber über den Hamletstoff hinaus produziert (). Mehr als dreihundert Schauspieler, Techniker, Musiker, Bild- und Tontüftler gehören zu seinem Bienenvolk, und er, die Königin, bandelte gertrudengleich mal hier, mal dort an, überzeugte fast den gesamten deutschen Theater- und den halben Filmbetrieb davon, sich in den Dienst seines manischen Projekts zu stellen. Den ersten Film drehte Fritsch mit Corinna Harfouch, den vorläufig letzten mit Hans Schenker. Dazwischen schillern Christoph Schlingensief in der Rolle von Ophelias Frauenarzt (bedrückend, wie er da vor Jahren das „Einssein mit der Krankheit“ beschwört); die Berliner „Tatort“Kommissare Boris Aljinovic und Dominic Raacke suchen nach Polonius' Leiche; Katja Riemann lässt sich bei einem Tennismatch vergiften.

          Kern des „Hamletismus“

          Man könnte ewig so weiterexzerpieren, denn in drei Teile hat Fritsch den Hamlet zerlegt und dann noch drei Berufsporträts rund um das Hofpersonal dazuerfunden. Drei wegen der Dreifaltigkeit: Hamlets Vater, Hamlets Sohn und Hamlets Geist. Macht 222. Ein Langfilm über den Hamletus, die Wikingererzählung des Saxo Grammaticus, ist abgedreht und wird gerade für die Hofer Filmtage postproduziert. 223. Das Buch „Interpolierte Fressen“ enthält Fritsch-Gekrakel mit Buntstift und einen Nachdruck der vergriffenen Wieland-Übersetzung. 224. Vor allem stellt es endlich die Frage nach dem Kern des „Hamletismus“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: „die radikale und gewollte Gleichzeitigkeit von Sein und Nichtsein“.

          Aufsteigerwahn im Hotelzimmer: Standbild aus „Hamlet_X”
          Aufsteigerwahn im Hotelzimmer: Standbild aus „Hamlet_X” : Bild: Sabine Zwach und Herbert Fritsch

          Wenn Fritsch das branchenübliche „Protzen mit Produktionsausschuss“ beklagt, klingt das nach einem produktiven Missverständnis. Er selbst habe sich nie als Schauspieler gesehen, erklärt er zur Verwirrung seines Gegenübers, doch die meisten kennen ihn nun mal so, sein aufgekratztes Spiel, das in den neunziger Jahren zu einer Art Markenzeichen wurde.

          Text-Titan im Internet

          In Frank Castorf fand er nicht nur einen kongenialen Regisseur, sondern auch einen großzügigen Filmförderer - zwei mächtige und schöpferische Geister, deren Beziehung eines Tages in Flammen aufging. Seinem Regisseur machte Fritsch zu viele Faxen auf der Bühne, der Regisseur machte Fritsch zu viele Faxen hinter der Bühne. Beides kann man aus heutiger Sicht leicht nachvollziehen, aber man wagt dann doch nicht zu ermitteln, wer am Ende wen und in welcher Reihenfolge verlassen hat. Jedenfalls muss die Volksbühne Fritsch wie ein Schloss vorgekommen sein, in dem ein mächtiger Geist umherging und dabei gehörigen Flurschaden anrichtete. „Machtkämpfe“, „zur Verrücktheit dressierte Schauspieler“, „feudalistisches Intrigieren“ - Fritsch hat seine ehemalige Stammbühne in ein rhetorisches Korsett geschnürt. Er wirkt nicht wie einer, der sich rächen will, eher wie einer, der sich ernsthaft befreit hat.

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