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Haft für Journalistinnen : Das Schweigen des Senders

  • -Aktualisiert am

Südkoreanische Demonstration für die Freilassung der beiden Journalistinnen Bild: AFP

Nordkorea hat zwei Reporterinnen des amerikanischen Senders „Current TV“ zu je zwölf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Der Sender, der dem Politiker Al Gore gehört, schweigt sich dazu vielsagend aus.

          3 Min.

          Ob die Sache Methode hat? Oder ist es eine Koinzidenz der Ereignisse? Kaum ist die Journalistin Roxana Saberi nach vier Monaten Haft im Teheraner Evin-Gefängnis, nach einer harten Strafe von acht Jahren Haft und einer dann milderen Berufungsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung frei, da sehen sich zwei weitere Journalistinnen aus den Vereinigten Staaten in einem anderen „Schurkenstaat“ als Spielmarken im diplomatischen Armdrücken missbraucht. Wie von den Medien des Regimes in Pjöngjang zu erfahren ist, wurden Euna Lee und Laura Ling wegen schwerer Verbrechen gegen Nordkorea und illegalen Grenzübertritts zu zwölf Jahren „Zwangsarbeit zur Umerziehung“ verurteilt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Euna Lee ist 36 Jahre alt und entstammt einer koreanisch-amerikanischen Familie. Die Eltern der 32 Jahre alten Laura Ling kamen von Taiwan nach Amerika; Laura Lings ältere Schwester Lisa ist ebenfalls eine bekannte Journalistin und arbeitet für CNN sowie für „National Geographic“. Die beiden Frauen arbeiten für den in San Francisco ansässigen Sender „Current TV“, der 2005 vom ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore und dem Geschäftsmann und Funktionär der Demokratischen Partei Joel Hyatt gegründet wurde. Lee und Ling wurden am 17. März festgenommen, als sie am Grenzfluss Tumen über nordkoreanische Flüchtlinge im benachbarten China recherchierten.

          Lachhafte Informationen

          Wer sich am Montag auf der Website des Senders, in dessen Auftrag die Journalistinnen an der nordkoreanisch-chinesischen Grenze recherchiert hatten, über deren Arbeit und Schicksal genauer zu informieren suchte, sah sich mit lachhaften Informationen abgespeist. Während alle Nachrichtensender - CNN, MSNBC und Fox News - das Urteil gegen Lee und Ling als „Breaking News“ brachten und dazu mit Hintergrundberichten und Interviews - etwa mit dem erfahrenen Nordkorea-Vermittler Bill Richardson, heute Gouverneur von New Mexico - sowie mit Reaktionen aus dem Weißen Haus und dem State Department aufwarteten, war die Spitzenmeldung „Current TV“ der Taser-Einsatz eines kalifornischen Polizisten „gegen eine 72 Jahre alte Urgroßmutter“.

          Weitere wichtige Beiträge widmeten sich dem Einzug der (Internet-)Piratenpartei ins Europäische Parlament, einem geplanten Marsch der Schwulenbewegung nach Washington, angeblichen neuen Todesschwadronen im Irak sowie dem Frage, wie „wir Rassismus und Diskriminierung ein für alle Mal besiegen können“. Die Berichterstattung von „Current TV“ über Nordkorea ist skandalös: Sie besteht aus abgestandenem Agenturmaterial über den Streit zwischen Washington und Pjöngjang über das nordkoreanische Atomprogramm sowie aus einer dürren Nachricht über das verbrecherische Urteil des Verbrecherregimes von Pjöngjang - begraben unter allerlei anderen, wenig relevanten Nachrichten.

          „Sagt endlich etwas!“

          Das empörte nicht wenige der Besucher der Website: „Sagt endlich etwas! Nicht ein einziger Kommentar zu dieser Situation! Hat der frühere Vizepräsident nicht noch ein bisschen Einfluss, um die Freilassung seiner Angestellten zu erreichen? Schweigen hat bisher nicht geholfen! Unglaublich, bisher mochte ich Current TV. Jetzt nicht mehr.“ Oder: „Warum ist dieser Artikel begraben? Er sollte an oberster Stelle stehen! Ich kann nicht glauben, dass Current TV die Diskussion darüber nicht vorantreibt, was mit seinen eigenen Reportern geschieht. ,New York Times‘, ,Washington Post‘ und MSNBC haben alle fortdauernde Berichterstattung über diese Situation auf ihren Titelseiten und als Breaking News. Aber nach dem dritten Besuch Eurer eigenen Website habe ich nur diesen Artikel gefunden. Ist mir etwas entgangen?“

          Man kann den linken Messianismus und das bisher nicht besonders erfolgreiche Geschäftsmodell von „Current TV“ nicht besser beschreiben als die zu Recht empörten Besucher der Website: Wann immer es einen vermeintlichen oder tatsächlichen Skandal daheim oder im Irak oder Afghanistan gibt, wann immer „Rassismus und Diskriminierung“ angeprangert werden müssen, ist „Current TV“ zur Stelle. Wenn aber ein Aufschrei zur Verteidigung der Freiheit und der eigenen Mitarbeiter angezeigt wäre, schweigt man dröhnend.

          Ohne Mehrwert

          Gegenwärtig ist „Current TV“ in den Vereinigten Staaten und - seit 2007 - in Großbritannien und Irland sowie seit gut einem Jahr auch in Italien über Kabel und einige Satellitensender zu empfangen. Was als zukunftsweisendes Konzept eines interaktiven Nachrichtenkanals für junge Leute angekündigt wurde, ist bisher ein kaum wahrgenommener linker Spartensender ohne nennenswerten Mehrwert geblieben. Dass es kaum Zuschauer und noch weniger Werbung gibt, kann der Sender offenbar nur dank der großzügigen Anfangsinvestitionen zumal des Millionärs Joel Hyatt überleben. Der Ende Januar 2009 geplante Gang an die Börse, um weitere hundert Millionen Dollar an Investitionen zu generieren, wurde „wegen der gegenwärtigen Marktverhältnisse“ abgesagt.

          Wenn ein Sender nichts über die politische Geiselnahme der eigenen Mitarbeiter durch ein neurotisch-repressives Regime zu sagen hat, kann er nicht erwarten, dass außer einer winzigen Klientel auch noch jemand anderer ihn hören will.

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