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„Saat des Terrors“ im Ersten : Hätten Geheimdienste die Terroranschläge verhindern können?

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„Wir haben den Terror zum Geschäftsmodell gemacht“

„Mindestens zwei der Attentäter von Paris waren am 17. Oktober 2015 in dieser Gruppe, die über die griechische Insel Leros eingereist sind“, hören wir Jana Wagner sagen, die nun einem Bundestagsausschuss Rede und Antwort steht. Der mutmaßliche Bombenbauer von Bombay scheine auch die Bomben von Paris und Brüssel gebaut zu haben, bevor man ihn an der österreichischen Grenze fasste. Man habe sogar einen V-Mann in der Gruppe gehabt, aber in der Hoffnung auf weitere Erkenntnisse („Ich war dagegen“) noch nicht zugreifen wollen. Als man zugriff, zog man ausgerechnet den V-Mann aus der Gruppe heraus. Das Fazit der Figur: „Unsere Sicherheitsbehörden sind mitverantwortlich für das, was jetzt in unseren Städten in Europa passiert. Wir kämpfen mit einem System, das wir selbst geschaffen haben. Aus politischer Ignoranz, Anmaßung und Überheblichkeit. Wir haben den Terror zum Geschäftsmodell gemacht.“

Im Abspann heißt es: „Dieser Spielfilm wurde auf Basis aktueller Recherchen entwickelt. Er ist jedoch kein Dokumentarfilm.“ Das muss man zweimal lesen, um diese Selbstverortung zu verstehen: Wir haben es mit einem Spielfilm zu tun, dessen Botschaft in mitunter belehrend-trockenen Dialogen vermittelt wird und so eindeutig scheint, wie es eher zu einer durchgehend journalistischen, dokumentarischen, nicht-fiktionalen Bearbeitung passte. Das Format ist nicht ohne Tücken. Aber Harrichs Ansicht ist klar: Er will eine Debatte über die Rolle der westlichen Nachrichtendienste im Krieg gegen den islamistischen Terror führen. Am vergangenen Mittwoch, bei einer Vorstellung des Films in der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin, bei der auch der ehemalige BND-Chef Gerhard Schindler auf dem Podium saß, diskutierte er sich schon einmal warm.

Harrich hat nach drei „investigativen Spielfilmen“ über das Oktoberfest-Attentat, illegale Waffengeschäfte und gefälschte Medikamente den Ruf, sich gründlich einzuarbeiten. Für die Doku „Tödliche Exporte“, die 2015 gleich nach Harrichs Spielfilm „Meister des Todes“ lief (dort spielten ebenfalls Axel Milberg und Heiner Lauterbach mit, Letzterer war in allen drei Spielfilmen mit von der Partie), wurde er mit einem Grimme-Preis geehrt.

Auch beim neuen Thema gehört zum Film deshalb wieder eine im Anschluss gezeigte Doku, die bei der Einordnung hilft – über die Doppelrolle des pakistanischen Geheimdienstes und den Mehrfachagenten David Headley, der 2013 tatsächlich für die Vorbereitung der Anschläge in Bombay verurteilt worden ist und Terrorziele in Kopenhagen ausgekundschaftet hat (im Spielfilm heißt er James Logan Davies, gespielt von Crispin Glover).

Die im Spielfilm so effektvolle Verbindung zu den Terroranschlägen in Paris und Brüssel kommt in der Dokumentation nicht vor. Aber auch diese Filmszenen, sagt Harrich auf Anfrage, seien nicht aus der Luft gegriffen, sondern „nah an der Realität“, sosehr „Saat des Terrors“, er betont das auch hier, auch „ein fiktionaler Spielfilm und kein Doku-Drama“ sei. Zurzeit arbeitet er an einer Langfassung der Dokumentation, sie soll im Frühjahr 2019 bei Arte laufen.

Saat des Terrors, heute, Mittwoch, 21. November, 20.15 Uhr, ARD.

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