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Häftlingsnetzwerk in Russland : Wartet nicht, bis sie euch holen!

  • -Aktualisiert am

Wen genau sie zeigen, verraten die Aktivisten der Initiative „Einsitzendes Russland“ nicht. Doch sie zeigen, welche Zustände im realexistierenden russischen Strafvollzug herrschen, in den Lagern zum Beispiel Bild: Rus-Sidyashaya

Die Initiative „Einsitzendes Russland“ zeigt im Internet auf, wie die Justiz Unschuldige verfolgt und hinter Gitter bringt. Und sie gibt Tipps, wie man die Zeit im Gefängnis überlebt.

          4 Min.

          Das alte russische Sprichwort, wonach niemand gegen das Gefängnis und den Bettelstab gefeit ist, klingt heute, da viele Unternehmer wegen gefälschter Vorwürfe einsitzen, besonders aktuell. Der Fall des in der Untersuchungshaft zu Tode gequälten Rechtsanwalts Sergej Magnitzki, der zeigte, dass Fahndungsbeamte sich mit konfiszierten Firmendokumenten seines Klienten „Hermitage Capital“ aus der Staatskasse bedienten, oder der des Finanzunternehmers Alexej Koslow, den ein russischer Ex-Senator einsperren und seiner Firma berauben ließ, sind nur die Spitze des Eisbergs. Urteile nach den Strafrechtsparagraphen für Betrug und Geldwäsche sind zu einer Industrie geworden, die schon Tausende Selbständige enteignet und weggesperrt hat. Das hat insbesondere Koslows Gattin, die Journalistin Olga Romanowa, publik gemacht, die eine Selbsthilfegruppe von Häftlingsangehörigen gegründet hat. Unter dem Kennwort „Rus sidjaschtschaja“ (Einsitzendes Russland) tauschen die Schicksalsgenossen jeden Mittwochabend in einer Kneipe und online über die gleichnamige Internetseite Geschichten, Erfahrungen, Ratschläge aus.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das „Einsitzende Russland“ führt durch das Kellerverlies der russischen Gesellschaft, in dem nahezu 800 000 Menschen oder 0,6 Prozent der Bevölkerung stecken. Der Anteil liegt prozentual etwas unter dem der Vereinigten Staaten, aber ist sechsmal höher als in Deutschland, Frankreich oder Italien. Die Aktivisten, Angehörige von zu Unrecht Einsitzenden, kämpfen dafür, dass nur Verbrecher im Gefängnis landen und dass die Behörden wirklich Recht und Gesetz schützen, statt unbescholtene Bürger abzuurteilen. Sie dokumentieren eklatante Fälle mit Verhandlungsterminen, O-Ton-Aufnahmen und Namen der Richter.

          Schon Minderjährige werden vom Staat aufgehetzt

          Sie schildern etwa den Fall des heute schwerkranken früheren Leiters der Stiftung „Otschisna“ (Vaterland), Stanislaw Kankia, der herausfinden wollte, warum von den Gehaltskonten seiner Mitarbeiter Geld verschwand. Kankia wurde daraufhin vorgeworfen, er habe staatliche Zuschüsse für Jugendjobs veruntreut. Geschädigte traten nicht auf. Kankias Verteidigung vermutet, dass der von der Staatsanwaltschaft initiierte Prozess Unterschlagungen durch die staatliche Sparbank vertuschen soll. Die Richter Kriworutschko und Staschina, die wegen ihrer Beihilfe zur Tötung des inhaftierten Anwalts Magnitzkis auf der Liste von in Amerika unerwünschten Personen stehen, erklärten Kankia für gemeingefährlich und sperrten ihn ein. In anderthalb Jahren Untersuchungshaft erlitt der Angeklagte mehrere Schlaganfälle und Hirninfarkte und kann oft kaum sprechen. Er hat Arterien- und Herzleiden und erblindet. Doch seine Frau darf ihn nicht sehen. Im vergangenen November verfügte das Gericht endlich, den Häftling psychiatrisch stationär untersuchen zu lassen, doch er wurde bis heute nicht verlegt.

          Aufgrund der aktuellen Kampagne zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch werden viele Unschuldige zur Aufbesserung der Statistik vor Gericht gezerrt wie der Kinderarzt Oleg Jachontow in der tatarischen Kleinstadt Bugulma. Eine Klägerin widerrief ihr Belastungsschreiben und erklärte, sie sei bedroht worden und habe ihre Aussage auf Diktat verfasst. Jetzt wird gemeldet, Beamte der Staatsanwaltschaft versuchten, im Waisenhaus minderjährige Belastungszeugen gegen den „bösen Onkel“ zu mobilisieren. Die Lage von Justizopfern wie Jachontow verschärfe sich auch dadurch, dass die Strafverfolgungsorgane nie den Rückwärtsgang einlegten, erklärt die Chefjuristin des „Einsitzenden Russland“, Mascha Klotschkowa, - aus berechtigter Furcht vor Gegenklagen wegen Prozessfälschung.

          Hinter russischen Gardinen: Angeklagte werden im Käfig vorgeführt

          Umso wichtiger sind Erfahrungsberichte von der Front, die Neulinge auf die Kampftaktik des Gegners vorbereiten. Julia Roschtschina, deren Gatte Oleg, ein Handelsunternehmer, wegen angeblichen Schmuggels acht Jahre Lager bekam, erzählt, dass die Kriminalfahnder, die zur Bürodurchsuchung mit Krokodillederschuhen und Cartier-Uhren anrückten, zuvörderst durch ihren offen zur Schau getragenen Reichtum beeindruckten. Die Luxusbeamten konfiszierten wahllos Dokumente, unsortiert, unversiegelt, ohne Gegenzeichnung durch Zeugen. Um Roschtschin zu verhaften, fuhren sie, wie zu Sowjetzeiten üblich, kurz vor Morgengrauen vor, allerdings in zwei schicken neuen Jeeps, einem Volvo und einem Toyota. Danach begannen die üblichen Erpressungsmanöver, das Herausquetschen „illegaler Rente“ aus den Angehörigen des Häftlings, wie Mascha Klotschkowa es fachgerecht nennt. Erst anderthalbtausend Euro, um Oleg Roschtschin aus der Untersuchungshaft zu befreien, dann sechstausend, dann 24 000 Euro, natürlich ohne Erfolg. Ein Besuchstermin mit ihrem Mann wurde Julia Roschtschina verweigert, weil sie keine ihn belastenden Papiere unterschreiben wollte.

          Am wichtigsten in der Haft ist gesunde Ernährung

          „Wenn die Organe Sie ins Visier nehmen, warten Sie nicht, bis sie Sie holen“, rät deshalb die Journalistin und Übermutter des „Einsitzenden Russland“, Olga Romanowa, die durch investigative Reportagen ihren auch nach einem „ökonomischen“ Paragraphen zu Unrecht verurteilten Gatten freibekam. „Gehen Sie an die Öffentlichkeit, in die Sozialnetze, führen Sie einen Blog, besorgen Sie sich ein Diktaphon“, sagt Olga. „Denn Ratten haben Angst vor Licht. Doch machen Sie sich auch innerlich bereit. Schreiben Sie ein Testament, begleichen Sie Schulden, ordnen Sie Ihr Privatleben, reden Sie mit den Angehörigen, studieren Sie das Strafgesetzbuch.“

          Care-Pakete, die Angehörige Häftlingen schicken, werden kontrolliert, ihr Inhalt ist nicht selten zerstört

          „Wenn Sie dann aber doch in der Zelle landen, heißt es durchhalten und sich Sentimentalitäten für später aufsparen“, sagt Wassili Andrejewski, der für einen Mord einsitzt, den er nicht begangen hat. Häftlinge sollten schon wegen des Dauerstresses und der Prügel ganz besonders auf gesunde Ernährung achten, schreibt Wassili. Der Häftling verrät bewährte Rezepte, wie man in der Zelle mittels Zwiebeln, Knoblauch, Rettich und Möhren Grippe, Skorbut und Tuberkulose abwehrt.

          Von den Häftlingsfrauen erfährt man, welche Sachen für Zelleninsassen abgegeben werden können. Erlaubt sind Äpfel, Möhren, getrocknete Pflaumen und Aprikosen, aber keine Feigen, Birnen, Gurken und Tomaten. Honig und Kondensmilch wird nur in Tüten, Süßigkeiten werden nur ohne Einwickelpapier akzeptiert. Wer sie abliefert, muss Formulare mit Warenbezeichnung, Anzahl, Gewicht ausfüllen, für Proviant und Haushaltswaren getrennt. In einigen Gefängnissen wird der Inhalt von Paketen zerkleinert. Auf ihre Frage, welchen Sinn diese Schikane habe, wurde den Aktivisten des „Einsitzenden Russland“ beschieden, das sei so Vorschrift.

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