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Häftlingsnetzwerk in Russland : Wartet nicht, bis sie euch holen!

  • -Aktualisiert am
Hinter russischen Gardinen: Angeklagte werden im Käfig vorgeführt

Umso wichtiger sind Erfahrungsberichte von der Front, die Neulinge auf die Kampftaktik des Gegners vorbereiten. Julia Roschtschina, deren Gatte Oleg, ein Handelsunternehmer, wegen angeblichen Schmuggels acht Jahre Lager bekam, erzählt, dass die Kriminalfahnder, die zur Bürodurchsuchung mit Krokodillederschuhen und Cartier-Uhren anrückten, zuvörderst durch ihren offen zur Schau getragenen Reichtum beeindruckten. Die Luxusbeamten konfiszierten wahllos Dokumente, unsortiert, unversiegelt, ohne Gegenzeichnung durch Zeugen. Um Roschtschin zu verhaften, fuhren sie, wie zu Sowjetzeiten üblich, kurz vor Morgengrauen vor, allerdings in zwei schicken neuen Jeeps, einem Volvo und einem Toyota. Danach begannen die üblichen Erpressungsmanöver, das Herausquetschen „illegaler Rente“ aus den Angehörigen des Häftlings, wie Mascha Klotschkowa es fachgerecht nennt. Erst anderthalbtausend Euro, um Oleg Roschtschin aus der Untersuchungshaft zu befreien, dann sechstausend, dann 24 000 Euro, natürlich ohne Erfolg. Ein Besuchstermin mit ihrem Mann wurde Julia Roschtschina verweigert, weil sie keine ihn belastenden Papiere unterschreiben wollte.

Am wichtigsten in der Haft ist gesunde Ernährung

„Wenn die Organe Sie ins Visier nehmen, warten Sie nicht, bis sie Sie holen“, rät deshalb die Journalistin und Übermutter des „Einsitzenden Russland“, Olga Romanowa, die durch investigative Reportagen ihren auch nach einem „ökonomischen“ Paragraphen zu Unrecht verurteilten Gatten freibekam. „Gehen Sie an die Öffentlichkeit, in die Sozialnetze, führen Sie einen Blog, besorgen Sie sich ein Diktaphon“, sagt Olga. „Denn Ratten haben Angst vor Licht. Doch machen Sie sich auch innerlich bereit. Schreiben Sie ein Testament, begleichen Sie Schulden, ordnen Sie Ihr Privatleben, reden Sie mit den Angehörigen, studieren Sie das Strafgesetzbuch.“

Care-Pakete, die Angehörige Häftlingen schicken, werden kontrolliert, ihr Inhalt ist nicht selten zerstört

„Wenn Sie dann aber doch in der Zelle landen, heißt es durchhalten und sich Sentimentalitäten für später aufsparen“, sagt Wassili Andrejewski, der für einen Mord einsitzt, den er nicht begangen hat. Häftlinge sollten schon wegen des Dauerstresses und der Prügel ganz besonders auf gesunde Ernährung achten, schreibt Wassili. Der Häftling verrät bewährte Rezepte, wie man in der Zelle mittels Zwiebeln, Knoblauch, Rettich und Möhren Grippe, Skorbut und Tuberkulose abwehrt.

Von den Häftlingsfrauen erfährt man, welche Sachen für Zelleninsassen abgegeben werden können. Erlaubt sind Äpfel, Möhren, getrocknete Pflaumen und Aprikosen, aber keine Feigen, Birnen, Gurken und Tomaten. Honig und Kondensmilch wird nur in Tüten, Süßigkeiten werden nur ohne Einwickelpapier akzeptiert. Wer sie abliefert, muss Formulare mit Warenbezeichnung, Anzahl, Gewicht ausfüllen, für Proviant und Haushaltswaren getrennt. In einigen Gefängnissen wird der Inhalt von Paketen zerkleinert. Auf ihre Frage, welchen Sinn diese Schikane habe, wurde den Aktivisten des „Einsitzenden Russland“ beschieden, das sei so Vorschrift.

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