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Hackerangriff auf „New York Times“ : Assads elektronischer Präventivschlag

Im Visier der Hacker: Die „New York Times“ Bild: REUTERS

Mit dem Hackerangriff auf die „New York Times“ hat die syrische Cyberguerilla ins Zentrum der argumentativen Kriegsvorbereitung getroffen. Die Zeitung bereitet ihr Publikum seit Monaten auf eine Militäraktion gegen Assad vor.

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          Wo soll man sich in diesen Tagen vor einem möglichen Angriff der Vereinigten Staaten auf Syrien über die Meinungsbildung der amerikanischen Regierung informieren? Man wird die gründlichste und pünktlichste Unterrichtung über die umständlichen Abwägungen, als deren Resultat die Regierung Obama einen etwaigen Angriffsbefehl verkaufen wird, von der „New York Times“ erwarten. Das liegt nicht nur an der Reichweite und am Prestige der Zeitung. Die „New York Times“ hat ihr Publikum seit Monaten auf eine Militäraktion gegen das Assad-Regime vorbereitet, ein Publikum, das sich mehrheitlich als liberal beschreibt und daher glaubt, kriegerischen Eskapaden gegenüber besonders kritisch eingestellt zu sein. Um ein solches Publikum für die Anwendung von Gewalt zu gewinnen, erst recht für einen Angriff ohne die völkerrechtlich vorgeschriebene Ermächtigung des Sicherheitsrates, müssen die Bedenken umständlich ausgeräumt werden - und je mehr Umstände man dabei macht, desto besser.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Hin und Her eines vermeintlichen Schlingerkurses kann die wirksamste Kriegsvorbereitung sein, da hinterher gesagt werden kann, das Für und Wider sei erschöpfend erörtert worden. Informationen über einen bevorstehenden Krieg zu sammeln heißt, sich auf etwas einstimmen zu lassen, das aller Wahrscheinlichkeit nach ohnehin geschehen wird. Die Obama-Regierung hat ein Interesse daran, der Welt zu verstehen zu geben, sie mache sich die Kriegsentscheidung genauso schwer wie die Redaktion der „New York Times“ deren Absegnung. Wie der Zeitungsleser in den vergangenen Monaten Zeuge eines Dialogs zwischen Dränglern und Bremsern wurde, als die Außenpolitiker in der Nachrichtenredaktion Indizien für Chemiewaffeneinsätze der syrischen Armee ausbreiteten, während die Leitartikler vor voreiligen Schlüssen warnten, so ist er am selben Ort auch über die Nuancenunterschiede in der Lageeinschätzung der wichtigen Obama-Berater informiert werden.

          Sabotage durch Mimikry

          Die kurioseste Figur unter den New Yorker Vordenkern und Rückversicherern ist Bill Keller, der frühere Chefredakteur der „New York Times“, heute Kolumnist auf der Kommentarseite neben den Leitartikeln. Er veröffentlichte dort im Mai einen Artikel mit der Überschrift „Syrien ist nicht Irak“, in dem er ausführte, er sei vor dem Irak-Krieg leider kein Bremser gewesen, was aber nicht bedeuten könne, dass er vor dem Syrien-Krieg kein Drängler sein dürfe. Die Position desjenigen, der Inkonsistenz durch Entschiedenheit kompensieren kann, ist in Washington für den Präsidenten reserviert.

          In den nächsten Tagen ist mit weiteren vertraulichen Mitteilungen über die Evolution der Meinungen im Weißen Haus zu rechnen, dosiert und terminiert von einer Regierung, die gegen Geheimnisverräter so eifrig vorgeht wie keine ihrer Vorgängerinnen. Die „New York Times“ ist keine Zeitung mehr, die einmal am Tag erscheint. Sie wird rund um die Uhr aktualisiert. In diesem Medium kann die Position der Regierung, wie sie sich in der Zusammenschau aller Verlautbarungen darstellt, beliebig oft modifiziert werden. Aus all dem folgt: Die Hacker, die sich hinter dem Namen einer „Syrischen elektronischen Armee“ (SEA) verbergen, haben sich für den Angriff, der am Dienstagnachmittag und teilweise bis in den späten Abend die Internetseite der „New York Times“ unerreichbar machte, das perfekte Ziel und den richtigen Zeitpunkt ausgesucht.

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