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Guttenberg und die Medien : Unterwürfiges Sturmgeschütz

Medienliebling: Guttenberg auf dem Flug nach Kabul Bild: dpa

Für die Art, wie „Spiegel Online“ über den Afghanistan-Besuch des Verteidigungsministers berichtet, ist „Hofberichterstattung“ gar kein Ausdruck. Dabei wird Karl-Theodor zu Guttenberg nur für blanke Selbstverständlichkeiten gepriesen.

          Es ist schon ein starkes Stück, wie „Spiegel Online“ über den Afghanistan-Besuch des Verteidigungsministers berichtet; „Hofberichterstattung“ ist gar kein Ausdruck. Sieht man genauer hin, dann fällt auf, dass Karl-Theodor zu Guttenberg für blanke Selbstverständlichkeiten gepriesen wird. „Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg besteht darauf, die Form zu wahren. Kurz nach der Ankunft in Kabul wird er befragt, was er denn nun von dem alten und neuen Staatschef von Afghanistan verlangen werde. Doch der Minister bittet die Fragesteller um Geduld. Was er mitzuteilen habe, wolle er dem Präsidenten erst selbst sagen.“ Alles nicht ungewöhnlich. „Dann fährt er zum Palast, in dem sich Karzai verschanzt hat. Der Präsident residiert in einer wahren Festung, umgeben von Sicherheitsringen und -schleusen.“

          Merkwürdig: Sicherheitsmaßnahmen für einen Präsidenten? Aber der gewaltige Guttenberg wird sich seinen Weg zu diesem feigen Wicht schon bahnen. „Der Ton des Ministers ist in Kabul unzweideutig, er kommt meist ohne die üblichen Floskeln aus, verschwendet keine Sekunde darauf, die Situation zu verharmlosen. Nach dem Gespräch mit dem Präsidenten bezeichnet er die Unterhaltung zwar im perfekten Diplomatenjargon als ,freundlich und offen', charakterisiert sie jedoch zugleich als eine Unterredung mit ,entsprechender Zielsetzung'.“

          Politische Offenbarung

          Was ist so besonders daran, wenn jemand eine Unterredung mit einer Zielsetzung führt? „Spiegel Online“ aber leitet aus all diesen Null-Informationen eine politische Offenbarung und persönliche Eigenschaften ab, die der Minister sich schon selber attestiert („deutliche Worte“), obwohl er in der Sache gar nichts anderes sagt als sein Vorgänger Jung. Aber man will es bei „Spiegel Online“ nun einmal so: „Direkter als Guttenberg hätte wohl selbst Hillary Clinton in ihren kühlsten Momenten eine solche Nachricht nicht überbringen können.“ Man tut so, als hätte Guttenberg mit dieser einen Reise, von der noch offen ist, was dabei herauskommt, Unglaubliches geleistet.

          Wie mag Guttenberg selbst zumute gewesen sein im Flieger? Sollte er so sein, wie ihn das einstige Sturmgeschütz der Demokratie darstellt, ist ihm sein märchenhafter Auftrag vielleicht schon zu Kopf gestiegen. Womöglich denkt er: „Noch nie in meinem Leben habe ich etwas so Herrliches erlebt! Über alles Irdische erhaben, ruhig und sicher dahinfliegend, kommt man sich wie ein Gott vor! Tief unten auf der Erde lag es wie ein Kranz von Rauch um die Stadt: nichts als krepierende Granaten. Und dann denkt man an die Soldaten, die da unten kämpfen und sich jeden Meter blutig erobern müssen, und an die Verluste! - und ich? Wie ein Gott schwebt man über all diesen Schauern und schleudert seine Blitze auf den Feind! Man denkt an keine Gefahr, fliegt ruhig seine Bahn und tut seine Pflicht.“ So geht reale Satire, geschrieben von Karl Kraus im April 1916 nach einem Flug über Verdun.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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