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Guttenberg-Satire bei Sat. 1 : Er hat gesagt, was gesagt werden musste

Keine weiteren Fragen: Kai Schumann als Minister von und zu Donnersberg. Bild: Sat. 1

Sat.1 zeigt eine höchst unterhaltsame Satire, bei der nicht ausgeschlossen ist, dass sie der Realität zum Verwechseln ähnelt: Kai Schumann ist „Der Minister“.

          4 Min.

          Über die Plakatwände der Republik turnt dieser Tage ein Mann, der dem einen oder anderen bekannt vorkommen könnte. Dabei ist er es nicht, der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, sondern ein nach seinem Bilde geformtes Alter Ego, das es mit den Posen nur ein wenig übertreibt. Für ein Akt-Fast-Nackt-Foto, hingeräkelt auf den Diwan, hätte sich der ehemalige Wirtschafts- und Verteidigungsminister dann wohl doch nicht hergegeben.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Für eine Walk-of-fame-ähnliche Bilderstrecke auf dem Times Square aber sehr wohl. „Der coole Baron“ hieß der Titel, den das Magazin „Stern“ dem Minister widmete, dessen Aufstieg man am besten und unterhaltsamsten aber anhand der Aufmachergeschichten der „Bild“-Zeitung nachvollziehen kann: Es war einmal ein Politiker, dessen Beliebtheit seine Parteifreunde beinahe genauso angst und bange machte wie den politischen Gegner. Bis die Sache mit der Doktorarbeit kam.

          Der da von den Plakaten grinst und wirkt, als habe er eine Überdosis Stimmungsaufheller intus, ist der von der Drehbuchautorin Dorothee Schön erfundene Franz Ferdinand von und zu Donnersberg. Wen sie dabei im Sinn hatte und nach wessen Gestik und Mimik der Schauspieler Kai Schumann seine Rolle angelegt hat, ist klar.

          Eine Party jagt die nächste - und dieses Mal blau gewandete Viktoria (Alexandra Neldel) steht ihrem Mann, Franz Ferdinand von und zu Donnersberg (Kai Schumann), stets lächelnd zur Seite.
          Eine Party jagt die nächste - und dieses Mal blau gewandete Viktoria (Alexandra Neldel) steht ihrem Mann, Franz Ferdinand von und zu Donnersberg (Kai Schumann), stets lächelnd zur Seite. : Bild: Hardy Brackmann/Sat.1

          Auch die realen Vorbilder der anderen Figuren geben keine Rätsel auf: des Ministers Angetraute Viktoria (Alexandra Neldel), Kanzlerin Angela Murkel (Katharina Thalbach), deren an der Universität wirkender Ehemann (Peter Prager), der selbstgewiss grinsende Chefredakteur des „Blitz-Kurier“, Jan Breitmann (Thomas Heinze), nebst Gattin (Susan Sideropoulos), der gestrenge Vater des adligen Aufstiegspolitikers (Walter Sittler), nicht zu vergessen das gesamte großkoalitionäre Kabinett, vom jetzigen Spitzenmann der Opposition bis zur inzwischen ebenfalls aus Dissertationsgründen zurückgetretenen Bildungsministerin.

          Der Minister irrt

          Es sind alle da und chargieren, dass es eine Schau ist, doch würde mit ihnen allein diese Satire nicht funktionieren. Es braucht Franz Ferdinands besten Freund von Kindesbeinen an, Max Drexel (Johann von Bülow) und dessen Frau Lisa (Stefanie Stappenbeck), um das Unerklärliche zu deuten, das da lautet: Woher hat dieser Minister seinen Text? Wieso schwadroniert dieser politisch zunächst desinteressierte Taugenichts, der eines Tages beschließt, „ein Zoon politicon zu werden“, ohne Punkt und Komma und sagt auf derart überzeugende Weise nichts, dass ihm alle an den Lippen hängen, ihn bewundern (er tritt nach einem in die Drehtür und kommt vor einem raus) und er schließlich sogar der Kanzlerin gefährlich wird? Gefragt in diesen wie in allen Lebenslagen ist ein kluger Kopf dahinter, der dem Minister als guter Geist sogar eine Doktorarbeit schreibt. Denn die glaubt Franz Ferdinand zu benötigen, um in den Augen der Kanzlerin zu bestehen. Die steht nicht gerade auf die Von-und-Zus, sondern auf Leistungserweise.

          „Ich weiß, dass Sie glauben, Sie verstünden, was Sie denken, was ich gesagt habe, aber ich bin mir nicht sicher, ob Sie begreifen, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich Ihnen jetzt mitteilen werde“, sagt der Minister den höchsten Chargen im Verteidigungsministerium und - schickt sie in die Wüste. Wenig später sehen wir ihn in Kampfmontur und die holde Gattin in kugelsicherer Weste („die ist ja nicht mal tailliert“) gen Afghanistan bundeswehrjetten, der schönen Fast-an-der-Front-Bilder wegen. Das ist ganz nach dem Geschmack des von Thomas Heinze prächtig gespielten Chefredakteurs, der den guten Max als Spin Doctor in Laufe der Geschichte ablöst. Das bisschen Regieren, wirft „Donni“ seinem alten Freund an den Kopf, schaffe er auch allein, ohne ihn. In diesem Punkt, wissen wir, irrt der Minister.

          Von den Mechanismen oberflächlicher Polit-PR

          Die Pointenschlacht, die der Regisseur Uwe Janson nach dem Buch von Dorothee Schön ausrichtet, hat ein hohes Tempo, das der Film aber erst nach eine Viertelstunde aufnimmt. Bisweilen geht es recht klamaukig und etwas wenig sophisticated zu, doch das nimmt dem Spaß nichts; dem Spaß, für den das Doppel Kai Schumann und Johann von Bülow sorgt. Wenn der eine (Schumann) zu viel Gas gibt, schaltet der andere (von Bülow) einen Gang zurück.

          Eine schauspielerische Sensation: Katharina Thalbach spielt die Kanzelrin Murkel.
          Eine schauspielerische Sensation: Katharina Thalbach spielt die Kanzelrin Murkel. : Bild: Hardy Brackmann/Sat.1

          Und eine Sensation für sich ist Katharina Thalbach als Kanzlerin, die das Politpanikorchester mit dem neuen Solisten aus der bayerischen Provinz in einer Souveränität dirigiert, die allein es wert ist, diesen Abend mit dem Programm von Sat.1 zu verbringen; die anschließende Dokumentation „Abgeschrieben - die Guttenberg-Story“ hat sie auch eingesprochen. In dem zunächst scheinbar unauflöslichen Männerbund ist sie die Dritte, die nicht nur die Macht, sondern auch die meisten Lacher auf ihrer Seite hat. So lächerlich ihr Rollenname „Murkel“ klingt, so wenig ist ihre Darstellung auf die leichte Schulter zu nehmen. Zumal in den Szenen am heimischen Esstisch mit Peter Prager zeigt Katharina Thalbach, was große Komödie ist.

          Zu deren Premiere im Berliner Delphi-Kino hatten die Produzenten Benjamin Benedict, Nico Hofmann und Jürgen Schuster in der vergangenen Woche auch die echte Politprominenz geladen, die den roten Teppich bei dieser Gelegenheit jedoch verständlicherweise mied. Wie hätten die Originale neben den Doubles auch bestehen sollen? Journalisten hingegen waren reichlich da und kamen auf ihre Kosten, wohl wissend, dass sie zu dieser Satire in Bataillonsstärke beigetragen haben.

          Das angeschlagene Unternehmen Forpel muss dringend vor der Pleite gerettet werden. Hat der neue Wirtschaftsminister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg (Kai Schumann) eine zündende Idee?
          Das angeschlagene Unternehmen Forpel muss dringend vor der Pleite gerettet werden. Hat der neue Wirtschaftsminister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg (Kai Schumann) eine zündende Idee? : Bild: Hardy Brackmann/ Sat.1

          Da müssen sich viele ertappt fühlen, von den Mechanismen oberflächlicher Polit-PR erzählt „Der Minister“ nämlich ununterbrochen. Und macht die Hauptfigur bei aller Schaumschlägerei noch nicht einmal vollständig lächerlich, sondern weist sie aus als Clown, der seine Kreise mitnichten allein unter der Zirkuskuppel zieht. Am Ende weiß der Minister nicht einmal, warum er zurücktreten soll und glaubt, er wäre ein guter Kanzler gewesen beziehungsweise sogar „König“.

          Die Moral von der Geschicht’

          Die Produzenten und der Regisseur waren bei der Premiere voll des Lobes für den Mut des Privatsenders Sat.1, eine solche Geschichte anzugehen, bei ARD und ZDF wären sie damit nicht so schnell gelandet. Wobei es die Ironie der Geschichte will, dass der einstige Sat.1-Geschäftsführer Joachim Kosack heute mit an der Spitze der Produktionsfirma steht, die er damals mit dem Film beauftragte. Für seinen Nachfolger bei Sat.1, Nicolas Paalzow, hängt vom Erfolg dieses Films nicht wenig ab. Dem Sender ist mit seinen Eigenproduktionen zuletzt, trotz aller Anstrengungen, kaum etwas gelungen.

          So tief der Fall dieses „Ministers“ ist, ein Comeback muss einem nicht ganz und gar ausgeschlossen vorkommen. Denn die Moral von der Geschicht’ mag sein: Sie könnte sich jederzeit wiederholen.

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