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„Polizeiruf: Tod einer Toten“ : Gute Nacht, Magdeburg

Überraschung: Lemp (Felix Vörtler) erscheint geschockt am Tatort und erfährt von Brasch (Claudia Michelsen) von dem Mord an Jessica. Bild: MDR

Hypnotisch-elliptische Ermittlungsbewegungen mit verspätetem Paukenschlag: Im „Polizeiruf: Tod einer Toten“ wirken alle so entsetzlich müde.

          2 Min.

          Dieser „Polizeiruf“ trägt den Titel „Tod einer Toten“, und wer bisher nicht daran glaubte, dass das totgesagte deutsche Primetime-Fernsehen nicht weiterhin tausend hochbezahlte Tode sterben könnte, der wird am Sonntagabend noch einmal eines Besseren belehrt. Der Titel ist Programm.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur stirbt hier niemand in Schönheit – auch das gibt es ja zur besten Sendezeit. Es beginnt mit der titelgebenden Leiche, die im Moos des morgenfrischen Magdeburger Kiefernwaldes liegt. Als Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) nach einer erfolglos durchzechten Nacht nebst Alkoholfahrt, Beinaheunfall und geflohenem Opfer zum Tatort kommt, ist Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) schon da, aber auch nicht besonders ausgeruht. Und weil die Kamera von Tobias von dem Borne das folgende Geschehen in meist klaren, aufgeräumten Bildern einfängt und der Zuschauer stets nah dran ist, kommt alles, was sich Brasch und Lemp von nun an wie am Stichwort-Schnürchen sagen und zurufen müssen, so überdeutlich daher. Im Kontrast dazu wirken die beiden über weite Strecken so unfassbar müde, als versuchten sie um sechs Uhr morgens einem fremden Kind zu erklären, wie es von Magdeburg-Westerhüsen in die Sudenburger Wuhne kommt.

          Das Opfer, wir ahnten so etwas, war bereits vor Jahren nach einem Autounfall für tot erklärt worden. Auch mit Drogen hatte die junge Frau zu tun. Das erfahren die Ermittler von Werner Mannfeld (Christian Kuchenbuch), dem Vater der Toten, der seit dem Tod seiner Frau allein mit ein paar Kühen, Hühnern und seinem Hund Streich („Wie der Fußballer Joachim Streich?“ – „Ja“) auf einem einsamen Bauernhof lebt und selten Sätze mit mehr als vier Wörtern spricht. Jetzt darf er, plötzlich Großvater, seine Enkelin, das Kind seiner Tochter Jessica, in Empfang nehmen, das Brasch in einem verlassenen VW-Bus gefunden hatte.

          Pumps zeigen, dass sie über Leichen gehen könnte

          Von da an springt das Geschehen mit fast rhythmischer Regelmäßigkeit zwischen dem Bauernhof, dem Polizeirevier, einem Handyladen und einem Immobilienbüro hin und her. Was hatten die Tote und ihr Freund Alex Zapf (Ben Münchow) mit Drogengeschäften, einem inhaftierten Immobilienmakler und Heroindealer, „den Rumänen“, und den Kollegen von der Drogenfahndung zu tun? So richtig verraten will das natürlich niemand. Weder der verdächtige Handyladenbesitzer Edgar Schmelzer (Christian Ehrich), dessen Pferdeschwanz als Indikator für angebrachtes Misstrauen fungiert, oder Kamilla Gerster (Deborah Kaufmann), die Frau des Dealers, deren überinszenierte Pumps zeigen, dass sie über Leichen gehen könnte. Doch auch die Schauspieler wirken lustlos – beinahe zermürbt darüber, dass sie nur mehr die Stationen dieser Schnitzeljagd abklappern können, ohne dass ein Funken Spannung oder Zweifel aufkommt. Bevor die Ermittlungen überhaupt ins Stocken geraten können, steckt Kriminaloberkommissar Günther Márquez (Pablo Grant) stets zuverlässig den Kopf zur Tür herein, um die nächste heiße Spur zu verkünden.

          Trotz all dieser Ermüdungserscheinungen wird die Handlung (Regie David Nawrath, der mit Michael Gantenberg und Paul Salisbury auch das Drehbuch schrieb) vornehmlich als rastloses Kommen und Gehen inszeniert: Selten öffneten und schlossen sich in einem Krimi so viele Türen, traten Menschen ein, gingen hinaus, kamen Autos und fuhren wieder – nur, um woanders wieder anzukommen und kurz darauf genau dasselbe zu tun. Derweil sitzen die Polizisten handlungsunfähig in ihren Dienstwagen herum, scheinbar gefangen in der substanzlosen Zeitlosigkeit der Geschichte.

          Unterbrochen werden diese hypnotisch-elliptischen Film-Bewegungen durch einen fast schon erfrischenden, aber auch etwas angestückt wirkenden Paukenschlag gegen Ende. Hier erwacht der Film plötzlich – vielmehr scheint er mit dem Zuschauer hochzuschrecken – und findet einen Ausdruck, der das Leid zerrissener Familien, das er die ganze Zeit über behauptet, auch fühlbar macht. So viel Leben hätte man diesem Toten dann doch nicht zugetraut.

          Der Polizeiruf 110: Tod einer Toten läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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