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Musikpreis-Kommentar : Der „Echo“ musste weg

Aus und vorbei: Den „Echo“ wird so schnell niemand mehr in den Händen halten. Bild: dpa

Der Musikverband schafft den „Echo“ ab. Etwas anderes blieb nicht übrig. Einen Preis für antisemitische Verschwörungstheoretiker Marke Kollegah braucht niemand. Aber wissen die Preisverleiher eigentlich, was sie getan haben?

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          Ein „großartiger Preis“ sei das gewesen, meint der Bundesverband Musikindustrie, ein „zentrales Branchenevent mit vielen bewegenden Momenten und herausragenden Künstlerinnen und Künstlern“. Doch jetzt ist der „Echo“ Geschichte. Es wird ihn nicht mehr geben, zumindest nicht in der bekannten Form – als Auszeichnung, die auf Verkaufszahlen beruht, deren Träger aber eine Jury bestimmt, die ein „Beirat“ unterstützt. Der hat nicht verhindert, dass der Preis an zwei Musiker ging, die nicht nur mit der Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ Antisemitismus transportieren. Die Rapper Kollegah und Farid Bang entwerfen das Bild einer jüdischen Weltverschwörung und beschallen damit die Schulhöfe des Landes. Sie waren beim Plattenverlag von Bertelsmann unter Vertrag und erhielten den „Echo“: Das war die Kapitulation vor einer Zumutung, die die Gesellschaft in ihren Grundfesten herausfordert.

          Die „Marke ,Echo‘“, schreibt der Musikverband nun, sei „so stark beschädigt worden, dass ein vollständiger Neuanfang notwendig“ sei. Der ist wirklich nötig; es ist die einzig mögliche Konsequenz. Beschädigt wurde der „Echo“ freilich von den Preisverleihern selbst. Sie haben ihn durch die Entscheidung für Kollegah und Farid Bang diskreditiert. Das war nicht nur ein „Fehler“, wie es seitens des Musikverbands zunächst hieß. Es war eine gesellschaftspolitische und künstlerische Bankrotterklärung mit Ansage.

          Schließlich waren der Musikverband und die Deutsche Phono-Akademie vor dem Geist gewarnt, den Kollegah und Farid Bang verbreiten. Doch machte sich der Verband einen schlanken Fuß: Es könne nicht seine Aufgabe sein, „freiverkäufliche Produkte im Nachhinein zu be- oder entwerten“. Was anderes, bitte schön, als eine Bewertung ist ein Preis? Der „Echo-Beirat“ wiederum befand – mit einer abweichenden Stimme der Vertreterin der katholischen Kirche –, die Rapper hätten „die künstlerische Freiheit nicht so wesentlich übertreten“, dass ihr Ausschluss zu rechtfertigen wäre. Was war die Aufgabe des Beirats? Er sollte „die Vereinbarkeit eines Werkes mit grundlegenden gesellschaftlichen Normen“ beurteilen. In diesem Urteil hat der „Echo“ komplett versagt. Dieses hauseigene Versagen muss sich der Musikverband vor Augen halten, wenn er nun in „Workshops“ berät, was an die Stelle des „Echos“ tritt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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