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„The Klimt Color Enigma“ : Sah so Klimts Bilder-Schock aus?

Das Fakultätsbild „Medizin“ von Gustav Klimt, digital neu aufgelegt und koloriert von Google Arts & Culture. Bild: Google Arts & Culture

Als Gustav Klimt seine Bilder für den Festsaal der Wiener Universität vorstellte, kam es zum Skandal. Die Gemälde verbrannten in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs. Google lässt sie digital wiederauferstehen – in Farbe.

          3 Min.

          Was die Gemüter in Wien derart erhitzte, dass Professoren eine Petition verfassten, der Schriftsteller Karl Kraus sich empörte, Kunstkritiker ätzten und sogar das Abgeordnetenhaus mit der Sache befasst war, ließ sich lange nur mehr schattenhaft erahnen. Denn mehr als einige Entwürfe und Schwarz-Weiß-Fotografien sind nicht geblieben von den Gemälden, die Gustav Klimt für die Decke des großen Festsaals der Wiener Universität schuf und die einen Skandal auslösten, als er sie zwischen 1900 und 1903 präsentierte. Hässlich, pornographisch, pervers lauteten die Anwürfe.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Statt aparte historistische Allegorien von „Philosophie“, „Medizin“ und „Jurisprudenz“ hatte Klimt drei verschlungene symbolistische Bilder geschaffen, in denen nackte Leiber und Skelette Eros und Thanatos versinnbildlichen, die Liebe zur Weisheit wie ein Spuk erscheint, die Heilkunst dem Menschen abgewandt ist und die Rechtswissenschaft bedrohlich wirkt. Der Widerstand war derart heftig, dass Klimt den Auftrag zurückgab, auf das Honorar verzichtete und fortan nur für Privatleute malte. Zwei Fakultätsbilder kaufte ein in der NS-Zeit enteignetes jüdische Sammlerehepaar, das dritte die Österreichische Galerie. Von den nationalsozialistischen Herrschern wurden die rund vier mal drei Meter großen Gemälde im Zweiten Weltkrieg auf einem Schloss versteckt und verbrannten dort in den letzten Kriegstagen, vermutlich angezündet von deutschen Truppen auf dem Rückzug.

          Die Vorlage, an der sich „The Climt Color Enigma“ orientierte
          Die Vorlage, an der sich „The Climt Color Enigma“ orientierte : Bild: Google Arts & Culture

          Wie die zerstörten Werke ausgesehen haben könnten, will Google in seinem Arts and Culture Lab herausgefunden haben: mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI). „The Klimt Color Enigma“ heißt das nächste Prestigeprojekt aus der Kulturabteilung des Netzkonzerns, die seit 2011 in Zusammenarbeit mit Museen einen gigantischen Datenschatz aus hochauflösend gescannten Kunstwerken sammelt und zu virtuellen Ausstellungen vereint. Gustav Klimt erhält nun eine virtuelle Retrospektive auf der Website und in der App. Als Kurator wirkte Franz Smola vom Belvedere in Wien, ein Klimt-Kenner, und in die Liste der Kooperationspartner tragen sich von der Albertina über das Metropolitan Museum bis zum Kunsthaus Zug mehr als dreißig internationale Häuser ein.

          Gustav Klimt, „Philosophie“.
          Gustav Klimt, „Philosophie“. : Bild: Google Arts & Culture

          Gemälde im Datenraum zusammenstellen, die in der Realität so niemals zusammenkommen können, digitalisierte Zeichnungen, Fotos und Briefe hinzufügen und auf diese Weise einen „Weltkünstler weltweit“ besser zugänglich zu machen, habe einen ganzen eigenen Reiz, sagt Smola. Und gibt zu: Trotz Augmented-Reality-Rundgang durch virtuelle Galerieräume, die das Projekt bietet, ersetze es natürlich keine Ausstellung, auch kein Buch. Es folgt eigenen medialen Spielregeln: Die modulare Organisation erlaubt Nutzern, sich treiben zu lassen vom Bild zum Audioinhalt zum Erklärtext, von Klimts goldener Phase zu seinem Frühwerk und weiter in sein Atelier. Alles Schriftliche ist knapp gehalten. Die Infohäppchen sollen Lust darauf machen, Klimt in seiner Widersprüchlichkeit zu entdecken: „Klimt versus Klimt“ lautet der Titel des 700 Objekte umfassendem Arrangements.

          Gustav Klimts „Philosophie“, ganz in grün.
          Gustav Klimts „Philosophie“, ganz in grün. : Bild: Google Arts & Culture

          Das Herzstück aber ist „The Klimt Color Enigma“: die wundersame Farberneuerung der Fakultätsbilder. Google ist nicht das erste Unternehmen, das sich daran versucht. Vor drei Jahren hat Factum Arte, eine in Mailand, Madrid und London ansässige Firma, die mit einem Faksimile der Grabkammer Tutenchamuns berühmt wurde, Klimts „Medizin“ koloristisch neues Leben eingehaucht. In Originalgröße ausgedruckt, diente ein Schwarz-Weiß-Foto des Werks als Grundlage, auf der Maler frische Farbe auftrugen, orientiert an anderen Gemälden Klimts und ausgehend von einem Detail des Gemäldes, von dem eine Farbreproduktion überlebt hat. Digital wurden der Pinselduktus dem Klimts angepasst und das Ergebnis abermals ausgedruckt, um schließlich mit Vergoldungen versehen zu werden. Das durchaus überzeugende Resultat war in einer Dokumentation auf Sky Art zu sehen.

          Algorithmische Leistungsschau

          Google arbeitet – wenig verwunderlich – rein digital und macht aus der Klimt-Rekonstruktion eine algorithmische Leistungsschau. „Wir malen keine neuen Bilder, sondern kolorieren die Fotografien“, sagt Simon Rein von Google Arts and Culture. Ohne den menschlichen Faktor geht die Gleichung auch hier freilich noch nicht auf. Er besteht in Smolas Recherchen. Akribisch hat der Kurator Angaben zur Farbigkeit der Bilder aus den reichlich vorhandenen historischen Beschreibungen versammelt und darüber hinaus Gemälde Klimts mit ähnlichen Motiven aus der gleichen Schaffensphase ins Kalkül gezogen, wenn es um Valeurs geht.

          Diese Informationen verfeinern einen von Google-Ingenieuren entwickelten selbstlernenden Algorithmus, der mit Arbeiten von Klimt, Millionen Bildern realer Objekte und Zehntausenden Bildern aus der Kunst-Datenbank Google trainiert wurde. Das Ergebnis: Roh fleischfarben im Inkarnat krümmt sich der nackte Verurteilte angesichts der tödlichen Umarmung eines giftgrünen Kraken in der „Jurisprudenz“. Pudrige Pastelltöne, durchzogen von Blau, überhauchen in der „Medizin“ Körper im Strom des Lebens hinter der Göttin Hygieia. Grell in Technicolor-Grün wabert schließlich der rätselhafte Weltgeist durch die „Philosophie“, nämliche Schatten auf bloße Körper werfend. Das mutet reichlich psychedelisch an.

          Work in Progress: Emil Wallner und Franz Smola (rechts) bearbeiten Klimt.
          Work in Progress: Emil Wallner und Franz Smola (rechts) bearbeiten Klimt. : Bild: Google Arts & Culture

          Hatten Klimts Zeitgenossen das als Schocker vor Augen? Oder ist das mehr KI als Klimt? Smola glaubt, dass die Bilder mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ tatsächlich so ausgesehen hätten, wie sie nun rekonstruiert wurden. Weniger aufregend sind sie durch ihre neue Farbigkeit jedenfalls nicht Fall geworden.

          Klimt versus Klimt und The Klimt Color Enigma auf artsandculture.google.com und der App.

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