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Guido Maria Kretschmer : Sein Leben ist textil

  • -Aktualisiert am

Es gibt viel zu tun: Guido Maria Kretschmer mit Elke Bild: RTL

Wie lange kann das noch gutgehen? In „Shopping Queen“ bei Vox, jetzt auch in der RTL-Show „Hotter than my daughter“ schiebt sich Guido Maria Kretschmer von rechts ins Bild und kommentiert die textile Tristesse.

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          Es gibt Völker, die fürchten, dass sie ihre Seele verlieren, wenn sie fotografiert werden. Meine Sorge bei Guido Maria Kretschmer ist eine andere. Meine Sorge ist, dass er seine Seele verliert, wenn er einmal zu oft schnell von rechts ins Fernsehbild reingeschoben wurde, um einen lustigen Kommentar zu irgendeiner modischen Fehlentscheidung abzugeben.

          Guido Maria Kretschmer ist schon viele tausend Male schnell von rechts ins Fernsehbild reingeschoben worden, um einen lustigen Kommentar zu irgendeiner modischen Fehlentscheidung abzugeben. Das ist quasi seine Kernkompetenz. Er macht das seit mehr als zwei Jahren bei Vox am Nachmittag, in der Sendung „Shopping Queen“. Darin kaufen Frauen in kurzer Zeit und mit begrenztem Budget um die Wette Kleidung, die zu einem gegebenen Thema passen und ihnen auch noch stehen soll. Wenn sie dann bei der Anprobe sind, wird Kretschmer immer wieder schnell von rechts - na ja, wie gesagt.

          Lange kann es nicht mehr dauern

          Er macht das gut, und das liegt weniger an seiner Fachkompetenz als Modedesigner als daran, wie er es schafft, auf eine im besten Sinne dezent schwule Art bösartig-treffende Bemerkungen liebevoll vorzutragen. Er hat eine rasante Medienkarriere gemacht, saß als Juror in der RTL-Zirkusshow „Das Supertalent“, schrieb einen Bestseller namens „Anziehungskraft“ - und präsentiert seit dieser Woche eine RTL-Sendung, in der er schrille Müttern so umstylt, dass sich ihre biederen Töchter nicht mehr so für sie schämen und umgekehrt.

          Na also: Guido Maria Kretschmer zwischen Elke (l.) und Nicole
          Na also: Guido Maria Kretschmer zwischen Elke (l.) und Nicole : Bild: RTL

          „Hotter than my daughter“ heißt das, und weil das deutsche Fernsehen gern bei Bewährtem bleibt, wird Kretschmer dabei wieder schnell von rechts ins Fernsehbild geschoben, um seine lustigen Kommentare abzugeben. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sich seine Seele, die oft bemühte Authentizität oder wenigstens sein Witz dabei so abgenutzt haben, dass man nicht mehr nachvollziehen kann, was einmal der besondere Charme dieses Mannes war.

          „Du bist sehr nicht-da. Also, textil-nicht-da“

          Zum Glück aber hat er auch richtige Auftritte, und der Moment, als er Mutter und Tochter überraschend in deren Wohnzimmer besucht, ist der schönste in der ganzen Sendung. Die beiden geraten völlig aus dem Häuschen und fallen ihm um den Hals, und das wirkt gleichermaßen übertrieben und absolut nachvollziehbar.

          Man kann ihm nichts übelnehmen, und das ist in einer Show wie dieser eine besonders wichtige Gabe. Sie ist erkennbar billig gemacht. Immerhin hat sie bei aller Penetranz, mit der hier die Bedeutung angemessen-angepasster Kleidung betont wird, noch eine gewisse Harmlosigkeit, obwohl das nur gut halb so lange britische Original durch Überinszenierung der Mutter-Tochter-Konflikte aufgepumpt wurde.

          Textile Lebenshilfe: Guido Maria Kretschmer mit Michaela
          Textile Lebenshilfe: Guido Maria Kretschmer mit Michaela : Bild: RTL

          Kretschmer kann hier seine verhängnisvolle Liebe zum Wort „textil“ als Universal-Adjektiv voll ausleben. Er sagt Sätze wie: „Das ist ein Konflikt, der so differenziert ist, dass man ihn textil lösen könnte.“ Oder: „Du bist sehr nicht-da. Also, textil-nicht-da.“ Er spricht von „textilem Selbstbewusstsein“, „Textil-Messages“ und „Textil-Hilfe“, die er anbietet.

          Keine Angst, er ist ja da

          Aber er beschreibt eine Frau, die sich sehr unauffällig kleidet, auch treffend als „so eine ganz nette aus der Kirchengemeinde, die sich um alles kümmert. Die wunderschön singen kann, aber das weiß auch keiner richtig, weil sie nicht richtig mitsingt“. Und eine andere als „kleines Aschenputtel, die ein bisschen Asche hinter den Ohren hat und ein bisschen im Haupt - aber da ist auch ganz viel Prinzessin drin“.

          Gerettet: Der Moderator mit Michaela (l.) und Sabrina
          Gerettet: Der Moderator mit Michaela (l.) und Sabrina : Bild: RTL

          Man glaubt es ihm sogar, wenn er den aufgeregten Kandidatinnen vor dem Umstyling sagt: „Ihr müsst keine Angst haben, ich bin an eurer Seite“, obwohl er eine dann in ein schreckliches rotes Kleid packt, das ihr ungefähr so gut steht wie Miss Piggy, woraufhin sie viel später noch in Tränen ausbricht.

          Es ist ein Fluch, dass man ihm das alles nicht übelnehmen kann. Denn dann muss sich auch RTL nicht anstrengen, ihm eine schöne Sendung maßzuschneidern. Mit Kretschmers augenzwinkerndem Charme - passt’s schon irgendwie so.

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