https://www.faz.net/-gqz-8jaqa

Günther Jauch : Der Fifty-fifty-Joker

  • -Aktualisiert am

Ist da Luft nach oben? Für den ARD-Talk mit seinem Namen musste Jauch Kritik einstecken. Bei RTL zeigt er, dass man nicht überqualifiziert sein kann für Quizshows. Bild: dpa

Wird Günther Jauch heute A) 30, B) 40, C) 50 oder D) 60 Jahre alt? Die Antwort lautet: Das spielt keine Rolle. Ewig jung lebt Deutschlands beliebtester Moderator ein Fernsehparadox im Multiple-Choice-Modus.

          Vorhang auf für eine der letzten Anomalien im deutschen Fernsehen. Wenn jemand, dessen gesamte Karriere darauf beruht, dass er in der Öffentlichkeit steht, sein Privatleben mit einem geradezu märchenhaften, nicht einmal vor der (erfolglosen) Anrufung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zurückschreckenden Aufwand vor der Neugier ebendieser Öffentlichkeit zu schützen sucht, dann zeigt das ein stutzig machendes, an Renitenz grenzendes Vertrauen in die Gesellschaft. Der Gedanke, dass diese, bei ihrer Freude am Voyeurismus gepackt, mit Liebesentzug reagieren könnte, scheint Günther Jauch, dem beliebtesten Moderator der Deutschen, nie gekommen zu sein – und er hat recht behalten. Darauf zu beharren, dass in der Medienmoderne, die alle Türen zum Boulevard weit aufgerissen hat, Dezenz, Anstand, ja Diskretion noch einen Wert besitzen, das ist faszinierend altbacken.

          Es gehört freilich zur Medienmechanik, dass das Interesse am Privatleben dieses Bildschirmprominenten gerade deshalb noch gestiegen ist. Der Weinbauer Jauch, der 2010 das Weingut von Othegraven übernahm, der reiche Vorzeigebürger Jauch, der sich in seiner Heimatstadt Potsdam in freilich wiederum altbackener Weise finanziell engagiert (die Sanierung des Belvedere und den Wiederaufbau des Stadtschlosses hat er befördert), der Ehemann Jauch, der vor zehn Jahren in ebenjenem Belvedere heiratete, der Vater, der Gärtner, der Autofahrer Jauch – all das scheint die Regenbogenmedien schon deshalb so brennend zu interessieren, weil es heute sonst kaum noch Geheimnisse gibt. Günther Jauch spielt in gewissem Sinne also mit.

          Er wirkt so unverbraucht

          Und er hat auch selbst etwas von diesem paradoxen Rückzugsgefecht im Herzen der Big-Brother-Maschinerie, das bis in seinen Dackelblick-Moderationsstil hineinwirkt: Kaum jemand wirkt so alterslos wie Jauch, so unverbraucht trotz permanenter Bildschirmpräsenz. Man kann ihn eben immer noch nicht ganz fassen, diesen Moderator ohne Eigenschaften. Es ließe sich viel eher sagen, was Jauch alles nicht ist: nicht polternd (wie Stefan Raab), nicht ankumpelnd (wieder Markus Lanz), nicht sockenpuppenniedlich (wie Jörg Pilawa) und erst recht nicht aufmerksamkeitsversessen (wie Thomas Gottschalk). Gemeinsam haben die beiden in den achtziger Jahren beim Bayerischen Rundfunk begonnen, gemeinsam Sendungen beim ZDF erobert – für Jauch war das 1987 „Na siehste!“ und von 1988 an für ein gutes Jahrzehnt „Das aktuelle Sportstudio“.

          Maximale Lässigkeit: Bei „Wer wird Millionär?“ sitzt Günther Jauch nach wie vor fest im Sattel.

          Günther Jauch blieb stets der brave Junge mit Schwiegersohn-Charme und hanseatischer Stockfischigkeit. Dabei ist ausgerechnet er seit 1990 mit dem wild-wüsten RTL verbunden: „Stern TV“ moderierte Jauch zwanzig Jahre und produziert die Sendung bis heute; seit 1999 läuft das alles überragende Quiz „Wer wird Millionär?“; zahlreiche weitere Rateshows und Jahresrückblicke folgten. Zu Jauch gehört das Verschmitzte, manchmal auch leicht Freche, das aber immer adrett daherkommt. Das Äußerste an Erregung ist schon erreicht, wenn er mit gerümpfter Nase gesteht, Diddl-Mäuse „regelrecht furchtbar“ zu finden.

          Dass dieser ewige Jüngling nun sechzig Jahre alt werden soll, klingt wie ein Irrtum der Biologie. Man kann sich schon eher à la „Dorian Gray“ vorstellen, dass auf dem Dachboden der Villa am Heiligen See – und gut vor den Paparazzi der „Bunten“ versteckt – das Gemälde eines steinalten Mannes herumliegt, dem die Mühsal einer jahrzehntelangen Ausnahme-Fernsehkarriere ins Gesicht geschrieben steht. Allein um hundert Jahre müsste dieses Porträtantlitz gealtert sein angesichts des Kritiker-Sperrfeuers gegen Jauchs Sonntagstalk in der ARD. Die von September 2011 bis Dezember 2015 ausgestrahlte Sendung „Günther Jauch“ wurde rituell dafür getadelt, Zirkuspferden aus der hohen Politik eine Manege zu bieten, ohne deren ellenlangen Verlautbarungen mit journalistischer Verve beizukommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Künast hat sich bei zahlreichen Gelegenheiten von der früheren Position mancher Grüner distanziert.

          Hass-Posts gegen Renate Künast : Erlaubt ist alles

          „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Drecksau“ – solche und noch krassere Kommentare prasselten auf Renate Künast ein. Das Landgericht Berlin sieht darin keine persönliche Schmähung, sondern nur zulässige Sachkritik.
          Simon Fujiwaras „It’s a Small World (The Square)“ (2019) auf der Istanbul Biennale

          Istanbul-Biennale : Moleküle gegen Staaten

          Die Kulturszene der Türkei lässt die Knochen knacken: ein Besuch in Istanbul, wo auf der Biennale und im neuen Museum Arter die Teilchen den Aufstand proben.

          Baden-Württemberg : Grüne mit 38 Prozent auf Rekordhoch

          Winfried Kretschmann will bei der kommenden Landtagswahl wieder als Spitzenkandidat antreten. Bei den Wählern im Südwesten stößt das auf große Zustimmung.
          Retourkutsche: Oliver Bierhoff reagiert auf die Angriffe aus München.

          Torwartdebatte : Bierhoff weist Hoeneß-Kritik zurück

          Der DFB reagiert auf die Angriffe aus München: DFB-Direktor Oliver Bierhoff weist die Kritik von Uli Hoeneß zurück. Der Bayern-Aufsichtsratschef hatte den DFB wegen der Haltung in der Torwartdebatte um Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen kritisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.