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Günter Wallraff wird achtzig : Mann mit Methode

Feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag: Günter Wallraff. Bild: dpa

Der Investigativjournalist Günter Wallraff hat mit seinen Undercover-Recherchen viel bewegt und einen Begriff geprägt: „Wallraffen“. Er betreibt seinen Beruf bis zur Selbstaufgabe. Heute wird er achtzig Jahre alt.

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          Die Sache funktioniert. Reporter gehen undercover, decken Missstände auf und – die Reaktion folgt. Die Fast-Food-Kette Burger King macht eilends eine Reihe ihrer Läden dicht und gelobt Besserung. Von vergammeltem Fleisch, abgelaufenem Brot, veganen Zubereitungen, die nicht vegan sind, und Mäusen in der Küche hatten die Reporter berichtet. Darauf angesprochen, teilt der Burgerbrater mit, man setze auf „Prozessoptimierung“, mit „erneutem Training des Restaurant-Managements, insbesondere in den Bereichen Lebensmittelsicherheit, Hygiene und vegane Zubereitung“. Die Restaurants seien „umgehend geschlossen und ein außerordentliches, externes Audit für alle 750 Burger King Restaurants in Deutschland angeordnet“ worden. Mahlzeit.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Reporterinnen und Reporter, die RTL losgeschickt hat, gehören zum sendereigenen „Team Wallraff“. Sie setzen ins Werk, was auf den Namensgeber zurückgeht: Sie „wallraffen“. Sie nehmen eine falsche Identität an, schleusen sich in Zusammenhänge ein, die von außen verschlossen sind, und fördern skandalöse Zustände zutage. Dafür hat Günter Wallraff den Weg geebnet. Mit Reportagen aus der Sicht eines Industriearbeiters Ende der Sechzigerjahre, als „Der Mann, der bei ,Bild‘ Hans Esser war“ (1977) und in der Rolle des türkischen Leiharbeiters Ali Levent Sinirlioğlu, der in verschiedenen Tagelöhnerjobs unter menschenunwürdigen Bedingungen schuftete. Als Wallraffs Buch „Ganz unten“ 1985 herauskam, hatte das Folgen. Der Thyssen-Konzern reagierte, das Landesarbeitsamt, der Bundesarbeitsminister machte das Thema zur Chefsache. Es änderte sich etwas.

          Günter Wallraff als „Der Mann, der bei ,Bild’ Hans Esser war“.
          Günter Wallraff als „Der Mann, der bei ,Bild’ Hans Esser war“. : Bild: Günter Zint/bpk

          Das ist dem am 1. Oktober 1942 in Burscheid als Sohn eines Ford-Arbeiters zur Welt gekommenen Wallraff wichtig. Ihm geht es nicht um die Schlagzeile. Er will, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. Er bleibt an seinen Geschichten auch nach der Veröffentlichung dran, schaltet sich als Moderator ein und führt jahrelang Prozesse, beziehungsweise es werden jahrelang Prozesse gegen ihn geführt. Besonders rachsüchtig betrieb das der Springer-Konzern, nachdem Wallraff, der dreieinhalb Monate lang verdeckt in der Redaktion der „Bild“ in Hannover recherchiert hatte, die Methoden des Boulevardblatts offenlegte. Die Prozesse gingen bis zum Bundesgerichtshof und zum Bundesverfassungsgericht, das in einer Entscheidung die sogenannte „Lex Wallraff“ formulierte. Sie beschreibt, wann Journalisten verdeckt recherchieren dürfen und wann nicht: Es muss ein überragendes Interesse der Öffentlichkeit an den dadurch zutage geförderten Informationen geben, und diese müssen sich auch nur auf diese Art und Weise beschaffen lassen. Darauf können sich alle investigativen Journalisten dank Günter Wallraff berufen.

          „Ganz unten“: Günter Wallraff 1985 als Ali Levent Sinirlioğlu.
          „Ganz unten“: Günter Wallraff 1985 als Ali Levent Sinirlioğlu. : Bild: Günter Zint/bpk

          „Wenn ich einmal in einer Rolle drin bin, bleibe ich, solange ich es aushalte, auch dabei“, hat Wallraff einmal im Gespräch mit der F.A.Z. gesagt. Das gehe so weit, dass er nach einer Weile sogar in seiner neuen Identität träume. Sein eigenes Ego stellt Wallraff hintan, ihm geht es um die Sache, ihm geht es um Gerechtigkeit. Als die Fatwa gegen den iranischen Schriftsteller Salman Rushdie erging, zählte Wallraff zu dessen ersten Unterstützern, nahm ihn bei sich auf und organisierte den Protest gegen die Todesdrohung. Wallraff und Rushdie sind bis heute befreundet.

          Dabei ist Günter Wallraff rücksichtslos gegen sich selbst. Vor Jahren bot er sich der Terrorgruppe IS als Geisel im Austausch gegen einen jungen amerikanischen Sanitäter an, wohl wissend, was das bedeutete. Er habe sich „spontan entschlossen, mich an seiner Stelle zu opfern. Aus dem Impuls heraus: Mit eurer Angstmache mögt ihr ansonsten Erfolg haben, bei mir nicht!“ Der Amerikaner wurde ermordet, gekidnappt hatten ihn die Terroristen an einem 1. Oktober – Wallraffs Geburtstag. Heute wird der last man standing, passionierte Marathonläufer und Tischtennisspieler achtzig.

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