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„Große Spendershow“ : Bluff im holländischen Fernsehen

Lisa heißt nicht Lisa, sondern Leonie Bild: AP

Die viel diskutierte Große Spendershow des holländischen Fernsehsenders BNN sorgt nach ihrer Ausstrahlung für neuen Gesprächsstoff. Kurz vor dem Ende verkündete der Moderator, dass alles nur ein Bluff war. Wichtiger sei die Publicity für das Thema Organspende gewesen, hieß es. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Michael Stabenow.

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          Die Show nähert sich dem Ende - gleich soll Fernsehholland erfahren, wem Lisa eine ihrer Nieren und damit 23 Lebensjahre schenken wird. Charlotte, die etwas melancholisch anmutende blonde Endzwanzigerin aus Haarlem oder dem fröhlichen Vincent, zehn Jahre jünger, der eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert und nebenbei Schlagzeuger einer Rockband ist? Da erstrahlt das Studio plötzlich in grellem Licht, und Showmaster Patrick Lodiers, der Sekunden vorher noch verkündet hat, er sei nun starr vor Spannung, ruft lauthals: „Auszeit!“ Lisa heiße nicht Lisa, sondern Leonie.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Aus der vermeintlich unheilbar an einem Hirntumor erkrankten Blumenhändlerin aus Arnhem eine Niere spenden wollte, wird eine kerngesunde Schauspielerin. Die „Grote Donorshow“ (Große Spendershow) des Fernsehsenders BNN, seit Tagen nicht nur in den Niederlanden in aller Munde, sorgt jetzt für zusätzlichen Gesprächsstoff, nicht nur unter den 200 Zuschauern im Studio. Man habe mit der Sendung wachrütteln wollen - und überhaupt, fährt Lodiers mit triumphierendem Unterton fort, „der Hauptpreis, der besteht nicht“.

          In klassischer „Big Brother“-Manier

          Das ist in gewisser Weise Pech für Charlotte, Vincent, aber auch für die dritte in der Kandidatenrunde, Hobby-Radiomoderatorin Esther-Claire aus Utrecht. Dass alle drei sehnsüchtig auf eine Nierenspende warten und Woche für Woche etliche Stunden am Dialysegerät verbringen müssen, ist keineswegs vorgegaukelt. Aber die drei haben bereitwillig mitgemacht, vielleicht ein wenig aus Geltungssucht, mit Sicherheit aber auch, weil sie hoffen, dass sich so mehr Organspendern finden könnten. 12.000 Niederländer, so heißt es später, hätten sich an diesem Abend beim Sender telefonisch gemeldet und dazu bereiterklärt.

          „Grote Donorshow”: „Der Hauptpreis, der besteht nicht”

          Ja, es fällt schon auf, dass der eigentlich so locker wirkende Vincent plötzlich, als Leonie, die zu dem Zeitpunkt noch Lisa war, in klassischer „Big Brother“-Manier zwischen ihm und Charlotte entscheiden sollte, urplötzlich verkrampfte Hand- und Armbewegungen vollführt. Und auch die eben noch so unbekümmerte Charlotte wirkt auf einmal übernervös. Doch dass es sich abermals um eine „Fiktion“ handeln könnte, ähnlich wie vor wenigen Monaten, als ein Fernsehsender im benachbarten Belgien den Zerfall des Königreichs der Flamen und Wallonen verkündete, scheint da wohl kaum ein Zuschauer für möglich zu halten.

          Vielmehr scheint BNN-Präsentator Lodiers mit der vom Big-Brother-Erfinder John de Mol entwickelten Show den in den vergangenen Tagen geäußerten schlimmsten Befürchtungen gerecht werden zu wollen. Es beginnt schon damit, dass er eingangs der Sendung einen „besonderen Tag in der Fernsehgeschichte“ ankündigte und einen „besonders guten Abend“ wünscht. Und nachdem Lodiers wortreich auf das Schicksal der 1400 Niederländer hingewiesen hat, die verzweifelt auf eine Organspende warten, konnte es endlich losgehen. „Genug gelabert. Zeit für die Show.“ Zunächst mit einer Rückblende darauf, wie die vermeintlich todkranke Lisa aus 30 Anwärtern die drei Kandidaten des Abends ausgesucht hat. „Ich beschließe über die Verlängerung des Lebens. Das ist ein ganz verrücktes Gefühl“, sagt sie. Lebensgroße Abbildungen von 25 Patienten erscheinen.

          „Ich will gerne die Niere“

          „22 werde ich ablehnen“, verkündet Lisa, die noch weniger als sechs Monate zu leben haben soll, aber jetzt womöglich über Leben oder Sterben anderer entscheiden soll - oder darf. „Jetzt will ich, dass das Licht bei den über Fünfzigjährigen ausgeht.“ Dann die Raucher, die Arbeitslosen, die Jugendlichen und schließlich „die Frau, die selbst keine Spenderin ist - „weg mit ihr.“ Und nun setzt Moderator noch eins drauf: „Vielleicht ein bisschen krude, aber wir haben 25 auf der Warteliste ein Gesicht gegeben.“

          Dann kommen die fünf „Gewissensfragen“ an die drei Kandidaten. Zum Beispiel, was sie von Lisa erwarteten, sollte sich deren Lebenserwartung plötzlich um drei Monate verlängern. Esther-Claire mag sich nicht entscheiden, Vincent zeigt Verständnis dafür, dass Lisa mit beiden Niere noch ein Weilchen weiterleben wolle. Nur Charlotte macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube und sagt Lisa ins Gesicht. „Ich will gerne die Niere. Ja, ich hoffe, dass Du sie mir gibst“.

          „Keine zweite Grote Donorshow“

          Und dann geht es um Vincent, dessen Freundin auch gleichzeitig seine Pflegerin ist. Lodiers hakt nach: „Ist das nicht eine verrückte Beziehung?“ Nein, es sei wichtig, neben den Sonnen- auch die Schattenseiten des Lebens miteinander teilen zu können, antwortet der junge Mann. „Totalspektakel“, entfährt es dem Moderator. „Multifunktional“, erwidert Vincent. Da hat er die Lacher auf seiner Seite. Nach 65 Minuten wird abermals eine Bilanz der Publikumsvoten gezogen, die per SMS eingegangen sind: 38 Prozent der Zuschauer finden, dass Charlotte die Niere erhalten soll. Für Vincent und Esther-Claire stimmen jeweils 31 Prozent. Es ist ein „Kopf an Kopf-Rennen“ stellt Showmaster Lodiers fest und deutet auf Lisa. „Damit entschließt sie über Leben und Tod“. Ehe sie sich gegen Esther-Claire entscheidet, wirft sie noch schnell in die Runde: „Ich wünschte, ich hätte vier Nieren. Dann hätte ich drei weggegeben.“

          Doch Lodiers drängt zur Eile. Er fordert jetzt die Entscheidung, schließlich sei er nun starr vor Spannung. Kurz darauf, als sich - fast - alles aufgeklärt hat, klingt er dann wieder ganz gelöst: „Ich kann Ihnen versichern. Es kommt keine zweite Grote Donorshow.“ Hoffentlich war das wenigstens ernst gemeint.

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