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Große Schirach-Verfilmung im ZDF : Dieser Strafverteidiger ist eine Wucht

Auf dem Weg zur Verhandlung gegen den vor dem Mediengewitter schutzsuchenden Arzt Friedhelm Fähner (Edgar Selge) muss der Strafverteidiger Leonhardt (Josef Bierbichler) zwar nicht auf seinen Bogarthut verzichten, die Gerichtsetikette aber verlangt Anwaltskrawatte und weißes Hemd: Utensilien, die er sonst entschieden meidet. Bild: ZDF/Gordon Muehle

Der sonntägliche Sendeplatz um 22 Uhr ist dem ZDF sonst nur gut genug für internationale Spitzenkrimis. Mit den „Verbrechen nach Ferdinand von Schirach“ gibt es nun eine deutsche Serien-Premiere. Sehr zu Recht.

          Für Studenten an Film- und Fernsehhochschulen kann die sechsteilige ZDF-Serie mit dem etwas sperrigen, aber der Sache angemessenen Titel „Verbrechen nach Ferdinand von Schirach“ als Musterbeispiel für eine geglückte Literaturverfilmung noch höchst lehrreich werden.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf die Zuschauer wartet an den kommenden drei Sonntagabenden aber erst einmal ein ästhetisches Vergnügen der Extraklasse, das wegen der durchgängigen Handlungshärte und ob einiger höchst gewaltsamer Einzelszenen jedoch auch solide Seelenstabilität verlangt. Jedenfalls hat bei dieser Produktion eine stattliche Riege von Akteuren sehr vieles sehr richtig gemacht.

          Günther van Endert etwa, der ZDF-Fernsehspielredakteur, ging mit Erfolg ein nicht geringes Wagnis ein und konnte es im Sender auch durchsetzen: Auf dem hochrenommierten Sonntagssendeplatz um 22 Uhr, der bisher exklusiv für angelsächsische und skandinavische Spitzenkrimis und Edel-Thriller wie „Kommissarin Lund“, Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“ oder die Insel-Inspektoren Barnaby und Linley reserviert war, bietet er zum allerersten Mal eine rein deutsche Serie.

          Und als Krönung Josef Bierbichler

          Geliefert hat sie ihm der Produzent Oliver Berben, der dem zunächst skeptischen Buchautor Ferdinand von Schirach die Filmrechte an dessen Erzähldebüt „Verbrechen“ (2009) abluchste und dann mit den Regisseuren Jobst Christian Oetzmann und Hannu Salonen, den Drehbuchschreibern André Georgi und Nina Grosse, dem Kameramann Hanno Lentz, dem Szenenbildner Björn Nowak und dem Filmmusiker Solo Avital eine Siebenerbande von Format engagierte.

          Der Schauspieler  Chiaki Ikuta spielt einige herrliche Kürzestszenen in der Episode „Tanatas Teeschale“

          Gleich die erste Entscheidung, die zu fällen war, sollte sich als Volltreffer erweisen. Für alle sechs Folgen erfand man eine bildschirmdominante Hauptfigur, die es in der Vorlage bestenfalls in Ansätzen gibt: den Berliner Strafverteidiger Friedrich Leonhardt. In von Schirachs Geschichten führt lediglich ein namenloser und auch sonst äußerst zurückhaltender Ich-Erzähler durch das Dickicht verschiedener Sozialmilieus. Mit einigem Recht lässt sich dieser klandestine, aus dem Hintergrund aber desto bezwingender die Fäden ziehende Chronist als der Autor selbst identifizieren: Seit zwanzig Jahren betreibt von Schirach eine Kanzlei für Strafsachen, deren reale Fälle sich für ihn in literarische Stoffe verwandelten.

          Nun ist es keineswegs so, dass sich der Anwalt Leonhardt bei der Verfilmung von sieben der elf Debütgeschichten eitel in den Vordergrund schöbe. Er, dieser massive Mann, ist auch beileibe kein Wiedergänger des eher schmächtigen Autors. Eine ungeheure Präsenz ist ihm eigen, sie macht ihn auf lakonische Weise vollkommen unvermeidlich, zudem sofort zum Markenzeichen seiner selbst: schwarzer Bogarthut (wohl) von Borsalino, halblanger, stets offen getragener Trenchcoat (wohl) von Burberry, ein mal gräuliches, meist aber ein taubenblaues Hemd und eine Aktentasche aus den fünfziger Jahren, deren Retrochic umwerfend wirkt. So kommt, wenn er nicht mit Robe im Gerichtssaal sitzen muss, dieser Leonhardt daher. Und zur Krönung spielt ihn auch noch Josef Bierbichler, der Charakterkontinent unter unseren Schauspielern. Die Figur ist eine Wucht.

          Der enorme Edgar Selge spielt den biederen Arzt

          Von Anfang an glückt der Verfilmung zudem ein schwieriger Spagat. Sie ist allemal werktreu, bildet die Handlungsmuster und die Figurenkonstellation der jeweiligen Geschichte also verlässlich ab. Zugleich aber nimmt jede Episode ganz entschieden das Eigenrecht des Films für sich in Anspruch. In der ersten Folge - sie erzählt die fatale Ehegeschichte des Arztes Friedhelm Fähner - genügt dabei ein kleiner Perspektivenwechsel, um große Wirkung zu erzielen.

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