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„Größer als im Fernsehen“ : Gutes speist sich aus einem kühlen Grunde

  • -Aktualisiert am

Bretter, die die Welt bedeuten: Nico Hölter (Dennis Schigiol) absolviert seinen Auftritt im Möbelhaus Pieper. Bild: HR/Bettina Müller

Die Tragikomödie „Größer als im Fernsehen“ widmet sich dem Casting-Zirkus und allen Peinlichkeiten die dazu gehören – doch die Abrechnung mit der Branche des schnellen Ruhmes lädt zum Fremdschämen ein.

          Wer erinnert sich noch an Simone – obwohl sie erst vor wenigen Tagen in einer der peinlichsten Unterhaltungssendungen der jüngeren Zeit mit mannshohen Kuscheltieren, etwa drei Dutzend halbnackten Strippern und pseudofeministischem Parolengeschrei zu „Germany’s next Topmodel“ gekürt wurde? Nico Hölter (Dennis Schigiol) könnte ein Lied vom bitteren Schicksal der Castingstars singen, wenn man ihn denn noch auftreten ließe. Im DSDS-Verschnitt „New Star“ war er mit gefühlvollen Coversongs Zweiter geworden, seitdem verfolgt ihn Leonard Cohens „Hallelujah“ wie ein Dauerbrenner aus der Hölle.

          Jede seriöse Bookingagentur lehnt ihn ab. Sein Agent vermittelt ihn an Möbelmärkte, wo er zwischen Sofagarnituren und Matratzen Selfies mit drei Fans machen und die Qualität des Kantinensauerbratens loben soll. Fehlt nur noch das „Dschungelcamp“, das in „Größer als im Fernsehen“ passenderweise „Abgestürzt“ heißt und allerhand Gescheiterte präsentiert, die bei sattsam bekannten Ekelprüfungen und herzwärmenden Lagerfeuerschicksalsgeschichten um ein bisschen Restaufmerksamkeit buhlen.

          Alles so falsch hier, aber nicht nur im fiktiven Fernsehen, sondern auch in der fiktiven Realität, die sich Lisa Denker (Janina Fautz), nach dem Tod ihres Vaters ins hessische Provinzkaff Körstel zurückgekehrt, insgesamt irgendwie größer und bunter vorgestellt hat. Was man halt so Zukunft nennt. Nun hockt sie als juvenile Kneipenwirtin ohne Publikum hinter dem Tresen der Dorfwirtschaft „Zum Kühlen Grund“ und zählt die Tage, bis sie zurückkann nach Berlin, das sie sich damals allerdings auch größer vorgestellt hat.

          Absturz im Dschungel ein Höhepunkt

          Vater Wolfgang (Werner Wölbern) hielt das Tresenmännertrio (Rainer Piwek, Fritz Roth, Jürgen Rißmann) noch mit Gratisschnaps und den ewig gleichen Scherzen bei Laune, während die exzentrische Eleonore Kürschner (Marie Anne Fliegel) mit einem Buch unverdrossen das Gasthausbollwerk gab. Jetzt erscheint Wolfgang der mutlosen Lisa als Wink des Himmels.

          Auch Bürgermeister Schulz (Gustav Peter Wöhler) glaubt wieder an die Vorsehung, als der nassforsche Projektleiter Daniel Wollschläger (Nic Romm) die Hälfte der Dorfgrundstücke kaufen will, um einen weiteren überdimensionierten „Sunshine Parc“-Ferienparkableger ins Hessische zu setzen. Der klamme Kommunalpolitiker sieht die Finanzen in null Komma nichts saniert, auch Lisas „Kühler Grund“ wäre Teil des Deals – nur an Eleonores Eigentum kann das Amüsier-Großvorhaben noch scheitern.

          Die halsstarrige Person jedoch – eine ehemalige Weltenbummlerin, die Haie erwürgt haben und mit Gaddafi geschlafen haben soll, was hier auf derselben Gefährlichkeitsstufe steht – ist nur bereit, zu verkaufen, wenn die Casting-Berühmtheit Nico Hölter ihr ein Privatkonzert gibt. Nackt.

          Ein Komplott muss her, um den erfolglosen Musiker zur Entblößung nach Körstel zu locken. Er wird am Ende doch „Abgestürzt“ im Dschungel landen und seine Geschichte in Rückblenden erzählen. Wie Wöhler und Fautz mit Romm als Bürgermeister, Hansdampf in allen Gassen und Bauentwicklerwindei ihr Fake-Event im Dorf planen und nicht ohne Schwierigkeiten durchführen, das gehört zu den besten Momenten in „Größer als im Fernsehen“, einer seltsamen Koproduktion von HR und Arte.

          Wie ein Witz, der anschließend erklärt wird

          Schigiol überzeugt als Gefangener des Castingruhm-Korsetts. Zu den Ansehnlichkeiten gehört ebenso die naturalismuspusselige Ausstattung dieser Tragikomödie, die dem Nachbilden der „DSDS“- und „Dschungel“-Sets viel Aufmerksamkeit schenkt (Szenenbild Manfred Döring, Kamera Diethard Prengel). Wo das Drehbuch (Benjamin Hessler) aber besonders bedeutungsschwanger vom Scheinen und Sein, vom falschen Ruhm und echter Leidenschaft erzählen will, gerät manches zum Fremdschämen.

          Auf Szenen wie diejenige, in der sich Musiker Nico erst eine Socke in das enge Unterbeinkleid stopft, bevor er sie gleichsam als Akt der Authentizitätsbefreiung wieder entfernt, hätte man liebend gern verzichtet. Überdeutlichkeit schadet im humoristischen Bereich. Zumal sich dieser Film zwischen Witz und Selbstfindungsernsthaftigkeit an vielen Stellen nicht entscheiden kann. Eleonores Figur bleibt, trotz Fliegels feinem Spiel, schwer nachvollziehbar.

          Zur – womöglich in Teilen selbstreferentiellen – Parabel auf die Oberflächlichkeit fehlt „Größer als im Fernsehen“ vor allem auch das richtige Timing (Regie Christoph Schnee). Glanzlichter, die sich vor allem Wöhlers vorgeblicher musikalischer Talentfreiheit verdanken (auch das ein Fake), ergeben noch keine stimmige Abrechnung mit dem bloßen Schein.

          Größer als im Fernsehen, 20.15 Uhr, im Ersten.

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