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Grimme-Preis 2015 : Wie zeichnet man Fernsehen am besten aus?

Dem Bildungsauftrag des Fernsehens verpflichtet, deshalb 1964 ganz folgerichtig vom Deutschen Volkshochschulverband gestiftet, ist der Grimme-Preis über die Jahrzehnte hinweg zugleich eine Domäne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gewesen und geblieben - das Privatfernsehen, das es nun auch schon drei Jahrzehnte lang gibt, hat daran bis heute nahezu nichts geändert.

Seit 2010 wurden etwa neunzig Produktionen ausgezeichnet, ganze fünf davon, allesamt Unterhaltungsformate, stammten von RTL oder Pro Sieben Sat.1. Dass 2013 das „Dschungelcamp“ immerhin nominiert wurde, sorgte für heftige Debatten, einen Preis gab es nicht. Auch wenn sich die Privatsender ihre Erfolglosigkeit bei den Marler Jurys meist selbst zuzuschreiben haben: Das angestaubte Image von ARD und ZDF färbt auch auf Grimme ab.

Wenn die Chefin drei große Linien zieht

Mehrfach hat Frauke Gerlach inzwischen annonciert, den Preis reformieren zu wollen. Losgehen soll es bald nach der diesjährigen Verleihung. Zu Werkstattgesprächen in Köln, Berlin und Hamburg will die neue Grimme-Chefin jeweils ein gutes Dutzend von Vertretern der Film- und Fernsehbranche, der Medienwissenschaften und der Medienpublizistik einladen, aktuelle oder einstige Grimme-Juroren inklusive. Bis Ende September soll der Reformplan stehen, die im Herbst beginnende neue Runde des Grimme-Preises könnte bereits einem revidierten Statut folgen.

So viele Tote und Verletzte gab es noch in keinem „Tatort“. Die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Murot erhält einen Grimme-Preis

Sie selbst, sagt Frauke Gerlach im Gespräch, wolle „mit drei großen Linien“ in die Debatte gehen. Zunächst möchte sie die „Kategorie Unterhaltung“ stärken, die bisher gegenüber der „Fiktion“, also den Fernsehfilmen, Mehrteilern und Serien, wie gegenüber der „Information“, also den Dokumentarfilmen, Gesprächsformaten und Fernsehfeatures, eine Art Schattendasein führe, gerade was die Zahl der Preise betreffe: Den maximal je fünf Projekt-Auszeichnungen bei „Fiktion“ und „Information“ stehen lediglich zwei der „Unterhaltung“ gegenüber - „um einen Preis erweitern“ will Frauke Gerlach diese Kategorie deshalb.

Man sollte die Jurys verkleinern

Seit 2001 gibt es den „Grimme Online Award“, ausgeschrieben ist er für „hochwertige Angebote“ im Internet wie Blogs, Videos, Videospiele, interaktive Plattformen. Daran wird nicht gerüttelt. In die traditionellen Preis-Kategorien einbeziehen möchte Frauke Gerlach aber künftig auch „Formen und Versuche, die das lineare Fernsehen für trans- oder crossmediales Erzählen und Experimentieren öffnen“, die also, kurz gesagt, Fernsehen, Radio und Internet verbinden. Mit eigener Jury und eigenem Preis könnte schließlich als neue Kategorie das Kinder- und Jugendfernsehen hinzukommen. Es gebe, so Frauke Gerlach, in diesem Bereich jedenfalls „eine hinreichende Zahl von Produktionen mit viel Qualität“. Ob und wie sich die neuen Grimme-Linien am Ende ziehen, wird sich weisen. Eigene Impulse zu setzen steht der neuen Leiterin gut an.

Und die Jurys selbst? „Den Frauenanteil erhöhen, zudem mehr jüngere Leute einbeziehen“, lautet die Antwort. Wobei es gerade hier einen größeren Spielraum für Reformen gäbe. Gegenwärtig sind zumal die beiden Hauptjurys, jene also für „Fiktion“ und für „Information“, mit je elf Mitgliedern entschieden zu groß, deshalb zu schwerfällig - je fünf Juroren genügten vollauf. Um die Debatten und Entscheidungen zu dynamisieren, könnte zudem ein rascheres Rotieren hilfreich sein: Es gibt Juroren, die seit Dekaden zu den Marler Preisrunden pilgern. Warum nicht das Ausscheiden, zumindest ein längeres Pausieren nach zwei, drei Teilnahmen?

Bei der Preisverleihung am Freitag waren künftige Reformen nur ein Thema am Rande. Zu den fünf ausgezeichneten Fernsehspielen zählt neben „Im Schmerz geboren“, einem so hemmungslos wie genialisch Film- und Literaturklassiker zitierenden „Tatort“ des HR, auch „Bornholmer Straße“ (MDR/RBB/Degeto), die großartige Komödie über einen von Charly Hübner gespielten DDR-Grenzer in der Nacht der Maueröffnung. Solange es solche Filme gibt, braucht es auch den Grimme-Preis.

Folgende Filme und Fernsehschaffende wurden ausgezeichnet:

Wettbewerb Fiktion:
„Altersglühen - Speed Dating für Senioren“ (WDR/NDR)
„Bornholmer Straße“ (MDR/ARD Degeto/rbb)
„Der Fall Bruckner“ (BR)
„Männertreu“ (HR)
„Tatort - Im Schmerz geboren“ (HR)

Wettbewerb Information:
„Akte D“ (WDR/ MDR/ BR)
„Camp 14 - Total Control Zone“ (WDR/ BR/ ARTE)
„Die Kinder von Aleppo“ (ZDF/ ARTE/ Channel 4)
„Nach Wriezen“ (rbb)
„Wir waren Rebellen“ (ZDF)

Wettbewerb Unterhaltung:
„Mr. Dicks - Das erste wirklich subjektive Gesellschaftsmagazin“ (EinsFestival/ WDR)

Sonderpreis Kultur des Landes NRW:
„Ab 18! 10 Wochen Sommer“ (ZDF/3sat)

Publikumspreis der Marler Gruppe:
„Altersglühen - Speed Dating für Senioren“ (WDR/NDR)

Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes:
Ina Ruck und Dietmar Ossenberg für ihre herausragenden Leistungen als Auslandskorrespondenten

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