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Grimme-Fernsehen : Der Apparat ist sich selbst genug

Verblasster Glanz: Marl galt einmal als ein Tempel moderner Architektur, als das „Brasilia des Ruhrgebiets“ - Standbild aus „Es werde Stadt“ Bild: FAS

Heute wird in Marl zum fünfzigsten Mal der Grimme-Preis vergeben. Die Filmemacher Dominik Graf und Martin Farkas erklären, um was es dabei geht. Sie träumen von einem besseren Fernsehen. Und finden es leider nur in der Vergangenheit.

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          Wer heute nach Marl kommt, am besten mit dem Zug, und in dem Einkaufszentrum „Marler Stern“ landet, der wird nicht glauben, dass dies einmal ein Vorzeigemodell war. Es war eine reiche Stadt, ein Tempel moderner Architektur, das „Brasilia des Ruhrgebiets“, ein Platz für den „neuen Menschen“. Es ist ein Musterbeispiel von Machbarkeitsphantasien, die krachend gescheitert sind. Ein aufgegebener Traum, eine Wüstenei in Beton, eine Stadt als Ruine, mit wie ausgebombt wirkenden Wohnsilos und einem Zentrum, das als Kulisse für einen Endzeitfilm taugte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hier, an diesem Ort, residiert das Grimme-Institut, hier wird seit fünfzig Jahren der Grimme-Preis vergeben. Auf dessen Geschichte blicken Dominik Graf und Martin Farkas in ihrem dokumentarischen Essay „Es werde Stadt“ zurück. Sie unternehmen eine Tour d’ horizon durch die deutsche Geschichte, die sie in der Entwicklung des Fernsehens und des Preises spiegeln, dessen Ziel es ist, das Beste, was dieses Medium hervorbringt, zu finden und auszuzeichnen. Es ist ein verklärter Blick zurück mit einem bitteren Fazit, mit dem die beiden Filmemacher zeigen wollen, was in Marl, bei Grimme und mit dem Fernsehen schiefgelaufen ist. Das tun sie auch, allerdings auf unfreiwillige Weise.

          Jammern statt machen

          In ihrem Film tauchen nämlich lauter Menschen auf, die Symptome beschreiben, die sie selbst hervorgerufen haben. Der Produzent Günter Rohrbach zum Beispiel, dessen Preisrede aus dem Jahr 1989 Graf und Farkas als Evangelium verstehen. Vor fünfundzwanzig Jahren beklagte Rohrbach, das Fernsehen - es war damals noch vor allem und fast ganz allein der öffentlich-rechtliche Rundfunk - sei dabei, den Kreativen die Mittel zu nehmen, die sie brauchten, um einen gesellschaftspolitischen Dialog zu führen. Der Apparat werde sich selbst genug. Genau das, da darf man Graf, Farkas und Rohrbach folgen, ist fünfundzwanzig Jahre später eingetreten.

          Doch wer ist daran schuld? Die Politik, legt der Film nahe, die in Nordrhein-Westfalen zuerst den Niedergang der Kohleindustrie nicht bewältigte, dann Hunderte Millionen in sinnlose Medienprojekten versenkte und das Privatfernsehen zuließ. Die deutsche Einheit habe alles nur noch schlimmer gemacht, im Osten Deutschlands habe sich derselbe ökonomische Kahlschlag vollzogen wie zwanzig Jahre zuvor im Ruhrgebiet. Von der neugewonnenen Freiheit sprechen die Autoren nicht. Sie sprechen auch nicht davon, dass es die Aufgabe genau derjenigen ist, die sie vor die Kamera holen, die Freiheit zu nutzen und die Umstände, die sie beklagen, zu verändern.

          Die Filmmacher Dominik Graf und Martin Farkas werfen in „Es werde Stadt“ einen verklärten Blick zurück.

          Das hätte der zitierte Günter Rohrbach tun können, als er Chef der Bavaria war, der größten öffentlich-rechtlichen Produktionsfirma im Lande, die davon lebt, dass die Sender, die Gesellschafter der Bavaria sind, ihr Aufträge zuschanzen. Das hat Hans Janke getan, der kluge, frühere Fernsehspielchef des ZDF, der sich stets darauf verstand, Avantgarde und Popularität miteinander zu verbinden. Das wäre und ist das Metier von Bettina Reitz, der Programmdirektorin des Bayerischen Rundfunks, die hier aber über den Umbau des Senders zu einem „trimedialen“ Rundfunkhaus jammert. Oder wie wäre es mit Andreas Schreitmüller, dem Filmchef von Arte? Auch er sollte ein Gralshüter sein, mokiert sich aber lieber über Fernsehkritiker, die ein von Quoten unabhängiges Fernsehen forderten, aber dann doch auf den Quotenerfolg einer Sendung schauten.

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