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Griechische Journalisten : Der Krieg gegen die Kreditgeber

Journalisten vor dem griechischen Parlament Bild: dpa

Sie verstehen die Welt nicht mehr und schon gar nicht das Vorgehen ihrer eigenen Regierung: Eine Begegnung mit griechischen Journalisten, die von ihrer Arbeit, ihrem Alltag, ihren Sorgen berichten.

          4 Min.

          Die eine Seite bezeichnet ihre politischen Verhandlungspartner als Sadisten, die ein ganzes Land erniedrigen und eiskalt in den Ruin treiben. Die andere Seite wiederum schüttelt frustriert den Kopf, fordert ein Ende des Faxenmachens und spricht angesichts der vielen geflossenen Milliarden Euro von „beispielloser Solidarität“. Man nennt das psychologische Kriegsführung. Auf der einen Seite stehen die Griechen, auf der anderen die Deutschen – wobei es „die“ Griechen freilich ebenso wenig gibt wie „die“ Deutschen. Mit der Frontenverhärtung im Zuge der Schuldenkrise ist allerdings auch das Schwarzweißdenken zurückgekehrt und mit ihm die altbekannten Beschimpfungen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          So traurig das klingt, es hätte keinen besseren Termin für den vom Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle organisierten „2. Deutsch-griechischen Mediendialog“ geben können. Die Lage ist ernst wie nie, am Montag findet ein Sondergipfel statt, und der Nachrichtenkonsument weltweit wird im Netz per Liveticker über die aktuelle Lage informiert. Der Absturz eines Landes, inszeniert als medialer Krimi.

          Wie hält eine Gesellschaft das aus?

          Die griechischen Kollegen, Print-, Rundfunk- und Internetjournalisten, die nach Bonn gereist sind, sehen erschöpft aus. Nicht der Reisestrapazen wegen, natürlich nicht. Seit sieben Jahren leiden sie unter der Krise. Zehrende sieben Jahre, geprägt von Ungewissheit, Angst vor einem weiteren sozialen Abstieg, einem Leben am Existenzminimum. Zu Verzweiflung und Furcht gesellte sich bisweilen durch politische Versprechungen genährte Hoffnung, die jedes Mal bitter enttäuscht wurde. Wie hält eine Gesellschaft das aus?

          Zum Beispiel Giorgios Vlavianos. Er arbeitet bei dem Sender Antenna TV, sein Gehalt, sagt er, sei in den vergangenen drei Jahren um 32 Prozent gekürzt worden, jetzt drohten weitere Einbußen von vierzig Prozent. Oder Myrna Nikolaidou, Mitte dreißig, eine hervorragend ausgebildete Journalistin, die bei einer großen griechischen Zeitung arbeitet und nach Feierabend zu Hause weiterschreibt, für ein Online-Magazin. Sie sagt: „Ich habe zwei Jobs, um zu überleben, und trotzdem weiß ich nicht, ob ich im September meine Miete noch bezahlen kann.“ Man müsse sein Land sehr lieben, um nicht die Koffer zu packen. Und Myrna Nikolaidou liebt ihr Land, doch die Frage ist, wie lange sie sich diese Liebe noch leisten kann.

          Reform hat im griechischen Verständnis nichts mehr mit Zukunftschancen zu tun

          Oder nehmen wir Karolina Kolokytha vom Goethe-Institut in Athen. Die alleinerziehende Mutter einer Tochter ist Anfang vierzig, und bis zum Monatsende hat sie keine hundert Euro mehr zur Verfügung. Die Sommerferien stehen vor der Tür, die Temperaturen in Athen übersteigen bereits jetzt oft die Dreißig-Grad-Marke. Aber wohin mit der Tochter? Urlaub kann Karolina Kolokytha nicht nehmen, und ein Feriencamp ist für sie unbezahlbar. Dabei bekommt sie häufig zu hören, sie sei doch privilegiert. Privilegiert, das heißt in Griechenland, zwölf Stunden sieben Tage die Woche zu arbeiten und ein Dach über dem Kopf zu haben. Es heißt, 1,20 Euro bis 1,40 Euro für einen Liter Milch – den man hierzulande schon für 60 Cent bekommt – ausgeben zu können, anstatt Obst- und Gemüsereste von der Straße zu sammeln. Es heißt, in Supermärkten vielleicht Treuepunkte in Form von Impfgutscheinen für seine Kinder zu erhalten. Die finanzielle Existenz der Menschen ist so fragil, dass schon ein kleines Unglück das Verarmungsschicksal besiegeln kann. „Wir sind mit unserer Kraft am Ende“, sagt Karolina Kolokytha. Körperlich und psychisch, eine traumatisierte Gesellschaft.

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