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Familienkomödie im Fernsehen : Zerkaut und hingeschrubbt

  • -Aktualisiert am

Xaver (Branko Samarovski), Sohn Dietrich (Simon Schwarz) und Enkelin Anabell (Anja Tillmann) besuchen eine Kirmes. Bild: Bayerischer Rundfunk

Fünfzig Jahre hat der Vater nichts von sich hören lassen. Kein Wunder, dass ihn nun keines der Kinder haben will. Bert Koß und Michael Hofmann machen daraus eine Fernsehkomödie mit Pfiff, aber ohne Witz.

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          Wenn im Fernsehfilm zu Beginn lustig auf der Gitarre gezupft wird, weiß man gleich, dass nichts zu befürchten ist: Das Böse hat Urlaub, das Schmutzige und das Tiefe auch. Anders gesagt: Das Schlimmste ist zu befürchten. Und so bestätigt es schon die erste Szene von „Nimm Du ihn“, der nächsten knuffigen Geronto-Komödie der ARD, in der ein ungelenk auf Penner gestylter, vom Leben zerknautschter Branko Samarovski bei der Passkontrolle seinen gesamten Besitz aus der Innentasche seines Sakkos friemelt: neben dem vergilbten, 1961 ausgestellten Reisepass eine zerkaute Zahnbürste, ein kleiner Gruß an die Generation Kukident. Mit auf- und dann wieder abgezogener Deppenmütze (die gleich in der nächsten Einstellung vergessen wurde, bevor sie sich wieder in seiner Hand befindet, ein kleiner Gruß an die Continuity-Apostel), tapst der soeben aus Argentinien (daher die Mütze) in München angekommene Greis nun seiner Aufgabe entgegen, die selbstverständlich dieselbe ist wie in all den anderen Die-Alten-haben-durchaus-noch-was-zu-bieten-Filmen: nämlich eine große Familienversöhnung, und zwar leider auch noch mit Pfiff.

          Fünfzig Jahre lang soll Xaver, der Vater von Mareike (Andrea Sawatzki), Dietrich (Simon Schwarz) und Felicitas Reber (Jule Böwe), nichts von sich haben hören lassen, und nun sind die heimgesuchten Geschwister keineswegs gewillt, den offenbar mittellos Zurückgekehrten als Vater anzusehen oder gar zu beherbergen. Alle drei renommierten Darsteller bekommen die kühle Ablehnung des zunächst in Obdachlosenunterkünfte geschleppten, einer Finte Xavers wegen dann aber doch widerwillig im Kreis herumgereichten Alten ganz passabel hin. Köstliche Kleinauftritte als Amtspersonen haben auch der geborene Beamtenmime Martin Brambach, der nur schnaufen muss, damit man lacht, und Katharina Schüttler, die über beide Wangen strahlend „einen schönen Tag“ ankündigt. Die Dialoge und elenden Drückeberger-Ausreden sind zudem einigermaßen kurzweilig: „Er ist selbstmordgefährdet? Ja sagemol! Und da soll er es bei mir machen?“ „Ich hasse alte Leute, das weißt du!“ „Also, Herr Wachtmeister, wie gesagt, auf keinen Fall wollte ich ihn aussetzen: Der Mann ist ja kein Hund.“ „Hunde dürfen Sie auch nicht aussetzen.“

          Das emotionale Leiden, sei es nun still (Felicitas), neurotisch (Mareike) oder winselnd (Dietrich), nimmt man den vaterlos Aufgewachsenen jedoch an keiner Stelle ab. Ebenso aufgesetzt wirkt das schnelle Anfreunden des Opas mit seinen beiden Enkeln, einer rosa Prinzessin und einem „Bitch“ sagenden Rotzlümmel. Bis hin zu den Partnern der drei Kinder Xavers begegnen uns nicht nur abgegriffene und unglaubwürdige, sondern auch noch komplett uninteressante Figuren. Und weil kein Klischee ausgelassen wurde, reißt „der alte Sack“ (so nennt ihn die kaltherzige Tochter des immer schon auf Lehrerin Felicitas scharfen Anwalts, der zufällig auch noch das alte Haus der Rebers gekauft hat) zudem eine rüstige Krankenschwester (Johanna Bittenbinder) beim Tanzkurs auf, indem er, Rumba Rumba Tätärää, seiner wahlsüdamerikanischen Rhythmusseele freien Lauf lässt.

          Es gehört zu den Gesetzmäßigkeiten von Charakterkomödien, dass die Protagonisten erstaunliche Wandlungen durchmachen, entweder weil sie unter dem Eindruck der rührseligen Handlung zack-peng jahrzehntelange Gewohnheiten über Bord werfen oder weil sie sich als durchtriebener erweisen, als es zunächst den Anschein hat. Hier gibt es beides, das unambitioniert heruntergespielte Turbotherapeutische (alle Kinder haben bald wieder Gefühle) ebenso wie das fröhlich Abgebrühte der Hauptfigur (der Pfiff). Xaver nämlich gibt sich allmählich als alter Haudegen zu erkennen, der ein halbes Jahrhundert zuvor nicht ohne Grund das Feld geräumt hat. Dabei spielt ein Lackaffe von Künstler (Martin Umbach) eine gewisse Rolle. Immer aber, wenn Künstler in lustigen Fernsehfilmen auftauchen, wird es ganz finster. Und in der Tat: Diese tölpelhafte Nebenhandlung ginge nicht einmal im Volkstheater durch. Was das Buch von Bert Koß und Michael Hofmann dem gar nicht so senilen Xaver zudem an Abgründigkeit aufpfropft, ist derart einfallslos (sogar eine nicht wieder aufgegriffene Nazijägerreferenz wollte man sich nicht verkneifen), dass dieser Schlenker, der einiges hätte herausreißen können, dem Film eher zusätzlich schadet.

          Die Regie von Hofmann ist dabei kaum kreativer als eine Strickmütze aus Lamawolle in den Anden, setzt einfach voll auf Gesichter in Großaufnahme. Wen wundert da, dass selbst das Friede-Freude-Eierkuchen-Finale vergeigt wird? Eine Abschlusspointe folgt hier auf die nächste, aber keine zündet wirklich. Man kann, wie George Lucas gezeigt hat, rund um den Satz „Ich bin dein Vater“ ein ganzes Universum entstehen lassen – oder eben, wie wir nun sehen, rein gar nichts. Wer sagt nur unseren Sendern, dass man sich mit Filmen, die dramaturgisch wie ästhetisch so wirken, als seien sie in zwei Minuten mit einer seit fünfzig Jahren zerkauten Zahnbürste hingeschrubbt worden, heute besser nicht mehr blicken lassen sollte?

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