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Kostenloses Internet : Online-Konzerne als Entwicklungshelfer

  • -Aktualisiert am

Die Welt dreht sich mal wieder um das Silicon Valley: Larry Page auf der Entwicklerkonferenz von Google Bild: AFP

Die Disruption des Staates hat begonnen: Die Internetkonzerne übernehmen die Aufgaben eines Wohlfahrtsstaates. Allen voran natürlich Google. Was bedeutet das für das Gemeinwesen? Diskutieren Sie mit!

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          Jetzt leistet Google auch noch Entwicklungshilfe. Der Internetkonzern, der sich gerade eine neue Struktur gibt, und die Regierung von Sri Lanka haben kürzlich eine Vereinbarung getroffen, die das ganze Land mit schnellem Internet versorgen soll. Google wird mit Helium gefüllte Hightech-Ballons in die Stratosphäre über der Insel schicken, um Internetsignale zum Boden zu senden. Von den 22 Millionen Bewohnern Sri Lankas verfügt zurzeit nur jeder fünfte über einen Internetanschluss. „Jedes Dorf vom südlichen Dondra bis zum nördlichen Point Pedro wird Zugang zu erschwinglichem, schnellem Internet haben“, verkündete Außenminister Mangala Samaraweera. Seit 2013 arbeitet Google an dem Forschungsprojekt mit dem Namen „Project Loon“, dessen Ziel es ist, abgelegene und ländliche Regionen online zu erschließen. Sri Lanka ist der erste Staat, dessen Internetversorgung Google gewährleistet.

          Auch New York will der Konzern mit kostenlosem Internet versorgen: Die Google-Tochter Sidewalk Lab will ungenutzte Telefonzellen in zehntausend Wifi-Hotspots verwandeln, die im Umkreis von 150 Fuß kostenlose Internetnutzung und Anrufe im Inland ermöglichen. „Gratis-Internet für alle“, lautet die Losung. Google tritt also als sozialer Wohltäter auf, der die Welt mit dem Netz verbindet. Doch hinter dem generösen Angebot stecken materielle Interessen: Google will Daten generieren, um sie in sein Imperium einzuspeisen und noch mehr über seine Nutzer zu erfahren.

          Das ist an sich nicht überraschend. Viel interessanter ist die Tendenz, dass die Internetkonzerne immer mehr die Aufgaben eines Wohlfahrtsstaates übernehmen. Die Versorgung mit schnellem Internet ist im Zeitalter der Informationsgesellschaft ein Grundbedürfnis und wird hierzulande vom Staat als dessen vornehme Aufgabe betrachtet – Stichwort Breitbandausbau. Google kalkuliert, dass rund zwei Drittel der Weltbevölkerung noch offline sind – und hat mit dem Aufbau einer globalen Internet-Struktur ein veritables Geschäftsfeld entdeckt. Neben Google verfolgt bekanntlich auch Facebook mit dem Projekt „Internet.org“ das Ziel, das Internet aus der Luft in entlegene Regionen zu bringen: Die solarbetriebene Drohne „Aquila“ soll Daten blitzschnell zur Erde funken.

          Entwicklungshilfe und Datenmonster in einem: Googles Internetballon „Loon“
          Entwicklungshilfe und Datenmonster in einem: Googles Internetballon „Loon“ : Bild: dpa

          Es ist nicht nur der Aufbau einer Internet-Infrastruktur, mit dem die Firmen staatliche Aufgaben übernehmen. Google steht in Gesprächen mit der Regierung des indischen Bundesstaats Arunachal Pradesh über die Einführung von Chromebooks. Die Schüler sollen auf dem mobilen Computer, der mit Googles Betriebssystem Android läuft, lernen. Der Deal: Bildung gegen Daten. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann wird auch Apple vergünstigte oder vielleicht sogar kostenlose iPads in Entwicklungsländern verteilen, auf denen die Kinder rechnen und schreiben lernen. Sie werden damit konditioniert und früh an Apple-Produkte herangeführt. Unterricht als Werbeveranstaltung. Wo der Staat schwach ist, sind die Internetkonzerne stark. Sie füllen ein Vakuum, das durch zunehmende Staatsverschuldung und Rückbau der Sozialstaatsleistungen entsteht.

          Konzernumbau : Aus Google wird Alphabet

          Nächstes Beispiel, der Gesundheitssektor: Bislang werden Krankheiten von einem Arzt diagnostiziert, die Therapie zahlt die Krankenkasse. Künftig werden Krankheiten vom Patienten selbst erkannt – und von Tech-Giganten indiziert. Zahlreiche Fitness-Tracker und Wearables messen Schrittzahl, Pulsschlag und Herzfrequenz. Eine intelligente Zahnbürste weiß, wann und wie oft sie benutzt wird und kann aufgrund der abgeleiteten Verhaltensmuster den nächsten Zahnarzttermin festlegen. Google hat eine smarte Kontaktlinse entwickelt, die den Blutzuckerspiegel von Diabetikern misst. Im geheimen „Google X“-Labor arbeiten Wissenschaftler daran, mit Nanopartikeln Krankheiten wie Krebs zu bekämpfen. Und anhand der Sucheingaben kann der Internetkonzern Grippewellen (Google Flu Trends) oder Epidemien vorhersagen. Google ist dabei, auch ein globales Gesundheitsunternehmen zu werden. Bildung, Gesundheit, Breitbandausbau – die öffentlichen Güter wandern in die Cloud. Evgeny Morozov beschreibt es seit langem: „Was einst ein öffentlich finanziertes Sicherheitsnetz war, wird ein privates Sammelsurium an freien Dienstleistungen.“

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