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Gottschalks geheimes Radio-Comeback : Der alte Mann und der Sound seines Lebens

  • -Aktualisiert am

Zurück zu seinen Wurzeln: Thomas Gottschalk moderierte auf Bayern 3 Bild: dpa

Thomas Gottschalk moderiert ohne große Vorankündigung bei Bayern 3. Und teilt in unverblümter Offenheit ganz schön aus – gegen den „Tatort“ im Ersten und die Jugend von heute.

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          Das Wetter spielte ihm an diesem Abend nicht in die Hände. Thomas Gottschalk hatte darauf gehofft, dass die sonntäglichen Tagesausflügler im Rückreisestau mehr oder weniger gezwungen wären, ihn zu hören. Doch der Föhn, der am Alpenrand für sonniges Wetter sorgt, war schon am frühen Nachmittag dahin. Die Staus hatten sich gegen achtzehn Uhr aufgelöst. Gottschalk gab aber erst von zwanzig Uhr an sein Radio-Comeback in der Bayern-3-Kultnacht. „Hätte ich es groß angekündigt, würden am nächsten Tag alle schreiben, er hat gegen den ,Tatort‘ verloren. Keiner will ihn hören. So wusste es niemand, dass ich heute auf Sendung bin - außer der NSA“, sagte Gottschalk. Den flapsigen Tonfall sollte er in den nächsten beiden Stunden beibehalten.

          Dass der „Tatort“ im Ersten an diesem Abend vom Bayerischen Rundfunk kam, gab Gottschalks Äußerungen eine pikante Note, zumal der Moderator und der „Tatort“ in diesem Leben offenbar keine Freunde mehr werden. „Was ist schon ,Tatort‘? Einer der beiden Kommissare hat immer Hautkrebs und der andere sorgt sich ganz fürchterlich und macht Action,“ ätzte Gottschalk, „da lobe ich mir den guten alten ,Derrick‘: Da sitzt die Frisur und der Fall wird ordentlich gelöst und höchsten bei jeder fünften Sendung kam eine Waffe zum Einsatz.“ Die inzwischen bekannt gewordene Mitgliedschaft des Derrick-Darstellers Horst Tappert in der SS bekümmerte Gottschalk bei seinen Bemerkungen nicht.

          Mit der Musik spielt er den Laden leer

          Ihn interessierte auch überhaupt nicht, was wohl der Musikchef des inzwischen auf Jugendwelle getrimmten Bayern3-Programms zu seiner Musikauswahl sagen würde. Er spielte im Hitsender keine Hits, weder von gestern noch von heute, sieht man mal von Steve Winwoods „Higher Love“ oder Stan Ridgeways „Camouflage“ (Gottschalk: „Danach hat meine Frau Thea ihre Boutique benannt, die es Gott sei Dank nicht mehr gibt“) ab, spielte Gottschalk Songs vergangener Jahrzehnte für Kenner - von Nazareth, Emerson, Lake & Palmer, Eric Burdon und Deep Purple. Man könnte sagen, er spielte mit seiner Musikauswahl den Laden genauso leer, wie er am Abend zuvor den Berliner Szene-Club „Asphalt“ um ein Uhr nachts vorgefunden hatte. Da hatte Gottschalk mit Erschrecken festgestellt, dass die heutige Jugend um ein Uhr nachts ja noch zu Hause ist: „Ich war allein mit dem Wirt, der sich dann mit mir fotografieren ließ während der DJ ein halbstündiges Stück spielte, bei dem es nur hmta hmta gingt und man nicht wusste, wann es anfing und wann es aufhörte.“

          Nun hatte es das Schicksal gewollt, dass wenige Stunden vor Gottschalks Radiohow Lou Reed im Alter von 71 Jahren gestorben war. Gottschalk („Reed hatte bestimmt noch andere Pläne“) nahm das zum Anlass, darüber zu räsonieren, dass er nun Songs von Tod und Beerdigungen mit anderen Ohren höre und berichtete von zwei Beerdigungen, auf denen er selbst gewesen sei: „Bei der von Reich-Ranicki und dem alten Haribo-Bären.“ Die musikgeschichtliche Einordnung überließ er lieber seinem alten Spezl Fritz Egner, der Lou Reed – was wirklich eine Kunst war – zum Reden gebracht hatte und Teile des damaligen Interviews in Gottschalks zweiter Radiostunde präsentierte.

          Cat Stevens singt aus dem Koran

          Gottschalk hatte vorher preisgegeben, als er von seinem Treffen mit Johnny Cash am Rande eines Konzerts in München berichtete, er habe nie viel Ahnung von der Musik gehabt, wenn er zu Interviews mit Musik-Größen gegangen sei: „Ich war nie der große Musikkenner. Ich habe sie gemocht und sie haben mich gemocht.“ Das ist wieder die Gottschalk-Attitüde, die ihn so erfolgreich durchs Leben getragen hat. Fritz Egner merkte derweil an, er habe sich „wie immer akribisch vorbereitet“.

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