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Gottschalks geheimes Radio-Comeback : Der alte Mann und der Sound seines Lebens

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Gottschalk demonstrierte seine innere Unabhängigkeit. Auch gegenüber Redakteuren, wie er am Beispiel von Cat Stevens erläuterte. „Ich habe Cat Stevens geliebt, seine Stimme und seine Musik. Seine LP „Tea for the Tillerman“ war die Zeit, wo man sich in irgendwelchen Betten rumgetrieben hat. Das war wirklich der Soundtrack meines Lebens - eben der am späten Abend. Ich habe Cat Stevens in meiner Late-Night-Show Anfang der Neunziger gehabt, da hieß er Yusuf und ich hatte bei RTL einen Redakteur, der irgendwelche Leute auftrieb. Für diese Sendung hatte er die Frau besorgt, die Lady d’ Arbanville gewesen war.“  (Zur Erläuterung: Cat Stevens war mit ihrer eine Zeitlang liiert  und schrieb einen Song über sie.) „Eine schillernde Dame - und die wollte Cat Stevens auf keinen Fall sehen. Da saß nun der freundliche Yusuf und ich sollte ihm keinesfalls verraten, dass nebenan Lady d‘ Arbanville sitzt. Ich hab es ihm natürlich doch gesagt. Er sagte mit seiner weichen Stimme nur: ,Please.‘ Und seine Frau schaue zu. Ich dürfe auf keinen Fall diese Frau rauslassen. Ich habe sie nicht rausgelassen und mir hinterher großen Ärger mit der Redaktion eingehandelt. Ich bin heute noch glücklich, dass ich das getan habe, weil er so ein reizender Mensch ist. Der hat natürlich nicht mehr singen wollen. Ich habe gesagt: Yusuf, wenn einer so eine Stimme bekommen hat  - egal von Gott oder von Allah: Warum tust du es nicht? Er hat sich dann breittreten lassen, einen Koranvers zu singen. Das war nicht das, was ich mir erwartet hatte, aber immer noch schöner als alles was Bushido je von sich gegeben hat.“

Ein „freistehendes Klohäuschen“ für den Bischof

So plauderte Gottschalk dahin und plötzlich merkte man, dass die Spezies der Moderatoren mit „Eiern“, wie Oliver Kahn sagen würde, die etwas riskieren, auch einmal daneben liegen und zum Widerspruch herausfordern, ausgestorben ist. Gottschalk mokiert sich nebenbei über Ikea und macht sich über die von dem Möbelkonzern gepflegte Duzerei mit den Kunden lustig: „Moment, wer bin ich denn? Sie bitte“, sagt er, wechselt aber zwischen „Du“ und „Sie“, wenn er seine Hörer anspricht. Besonders originell ist es nicht, dass auch noch Bischof Tebartz-van Elst sein Fett abkriegt: „Vielleicht hört er ja zu. Er soll ja in einem Kloster in einer Frankenwald-Gemeinde sein. Da hat er statt freistehender Badewanne ein freistehendes Klohäuschen.“

Zwei aus seiner Sicht „modernere“ Songs hat Gottschalk auch im Programm - also aus der Zeit nach 1990. Auf den einen sei er gekommen, weil er beim morgendlichen Steppen in seinem Haus in Malibu („immer um neun, aber nicht wegen des Gewichts, sondern wegen des Blutdrucks“) B5aktuell höre und „da haben die jungen Kollegen manch guten Tipp.“ Den anderen habe er beim Shoppen mit seiner Frau Thea bei „Anna Sui“ gehört. „Da ist jeder in schwarz, das ist relativ trostlos. Dazu läuft diese Weltschmerzmusik. Nach einer halben Stunde fand ich die Musik doch ganz toll. Ein Lied habe in mein System aufgenommen.“ Mit Hilfe einer Musikerkennungs-App sei er dann auf die Band Interpol gekommen. Gottschalk besitzt genug Größe zuzugeben, dass er dann bei Google nach der Band unter „FBI“ gefahndet habe.

Der „Tatort“ lässt sich leider nicht abstellen

Vielleicht verführte ihn die Annahme, dass am Sonntagabend zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr ohnehin keiner zuhört, zu so viel unverblümter Offenheit: Mal beschwört er die Autofahrer im Stau bei Eitrach („aber da gibt es ja leider eine Umleitung“) zuzuhören, dann fragt er eine Anruferin eindringlich: „Du hörst mich freiwillig, stehst nicht im Stau oder der Fernseher ist kaputt?“ Er kokettiert auch mit seiner fehlenden Technikaffinität: „Früher war ich hier im Studio Herr über zwölf Knöpfe, heute sind es 457. Dazu laufen sechs Monitore. Auf einem leider der ,Tatort‘. Der lässt sich leider nicht abstellen.“

Jedenfalls funktioniert das Konzept, Songs durch eigene Geschichten mit Bedeutung aufzuladen, wie es der bayerische Konkurrenzsender egoFM mit seiner „Vermessung der Musik“ schon seit vier Jahren erfolgreich vormacht. Gottschalks Reise zu seinen medialen Wurzeln aus den siebziger Jahren, als er beim Radio des Bayerischen Rundfunks anfing, wird sicher nicht folgenlos bleiben. „Ich hatte einen Riesenspaß. Radio ist ganz einfach. Am Sonntagabend bin ich gern mal hier. Vielen Dank dafür, dass sie mir das Gefühl gegeben haben, dass ich ihnen wichtig bin. Danke und dass wir uns wieder das eine oder andere mal sehen,“ sagte er zum Schluss. So weit ist Gottschalk noch in seinen Fernsehgewohnheiten gefangen. Später korrigiert er sich auf: „hören“.

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