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Gottschalk und „Das Supertalent“ : Der Alte hängt am Seil

Abgestürzt ins Mittelmaß: Thomas Gottschalk.
          2 Min.

          Nach dem ersten Abend mit Thomas Gottschalk als Juror der RTL-Show „Das Supertalent“ gilt es festzustellen: Der Untergang des Abendlandes ist verschoben. Zumindest was diese Sendung betrifft. Mit ihr fällt Gottschalk auch nicht, wie vielfach beschrieben, ins Bodenlose. Er sinkt ins Mittelmaß und fällt darin nicht weiter auf. Er ist jetzt Teil einer Show, die und deresgleichen früher für die herben Sprüche Dieter Bohlens berüchtigt waren und dafür, dass sie Kandidaten der Lächerlichkeit preisgaben bis auf die Knochen.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das machen die RTL-Castingshows noch immer, aber mit angezogener Handbremse, und auch Dieter Bohlen, so hat man den Eindruck, wird langsam erwachsen. Das größte Problem beim „Supertalent“ ist etwas ganz anderes: Langeweile, und zwar großgeschrieben. LANGEWEILE. Es gibt kaum etwas, mit dem man sich den Samstagabend saurer machen kann (solange man nicht dafür bezahlt wird). Und es scheint fast so, als bestehe das Prinzip der Sendung nicht darin, das „Supertalent“ zu suchen, sondern zu beweisen, dass es in diesem Land keine Talente gibt. Schon gar keine im Superlativ.

          Ein Handfurzer aus Amerika

          Denn was sehen wir da zum Vorrundauftakt von „Das Supertalent“? Einen Handfurzer, der extra aus den Vereinigten Staaten kommt (um „Cheri Cheri Lady“ von Modern Talking (also Bohlen) handzufurzen). Der Mann kommt sogar eine Runde weiter. Eine junge Dame aus London tritt auf, die ihren Körper in alle Richtungen biegen kann und daraus auch noch eine kleine Comedy-Einlage macht. Auch sie werden wir wiedersehen. Dann haben wir einen ebenfalls englischsprachigen jungen Mann, der sich mit Rasierschaum eincremt und das zu allerlei Scharaden nutzt. Auch er ist ein Talent, das der Jury gefallen hat. Und schließlich sehen wir einen Zauberer aus New York, der sich Tauben aus dem Gesicht zieht und ein Seil durch den Hals und als Zugabe ein paar Rasierklingen verschluckt.

          Wo sind denn da, bitteschön, die heimischen Talente und die echten Amateure? Selbst der Herkules, der das Seil für den Bungee-Sprung eines Siebenundachtzigjährigen nur mit seinen Händen hielt, war ein Österreicher. Der Alte stammte wenigstens aus Dortmund, wäre mit seinem Compagnon und der Seilnummer (es war sein 105. Sprung) aber vielleicht besser bei „Wetten, dass ..?“ aufgehoben gewesen. Vielleicht hatten die beiden sich ja an Gottschalk gehalten und deshalb in der Sendertür geirrt. Oder Gottschalk hatte sie noch in seiner alten ZDF-Kandidatenkartei.

          Alle singen: Die Kleinen und die Großen und sogar ein Papagei

          Dann wäre da noch der singende Papagei („Hänschen klein, ging allein“), der Neunjährige, der sehr knuffig war, aber leider nicht sehr gut singen konnte, ein junger Mann mit einer in der Tat außergewöhnlichen Stimme (Geheimtipp), der auch noch komponiert und – als Niete vom Dienst – jemand, der zu Vollplayback das Lied „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry zum Besten geben wollte. Vollplayback bedeutet: Das Talent diese Mannes besteht darin, zu einem Lied die Lippen zu bewegen und sich leidlich koordiniert auf der Bühne zu bewegen. So etwas gilt spätestens seit „Milli Vanilli“ nicht mehr als supertalentverdächtig.

          Wenn man sich ansieht, wie heftig RTL die einzelnen Vorträge nachbearbeitet und zusammengeschnitten hat, um eine halbwegs ansprechende Dramaturgie hinzubekommen, könnte man fast meinen, Markus Lanz habe als Gottschalks Nachfolger mit „Wetten, dass ..? beim ZDF demnächst in direkter Konkurrenz zu dieser RTL-Show am Samstagabend nicht viel zu befürchten. Und das will was heißen! Es könnte höchstens sein, dass sich die Shows am Ende zu sehr gleichen.

          Wer einmal gesehen hat, was das Urbild der Show ausmacht, bei der Thomas Gottschalk – ach ja, Michelle Hunziker auch, mit deren kleinem Bühnenunfall uns RTL zur nächsten Sendung lotsen will – jetzt mitwirkt, dem kommen ohnehin die Tränen. Bei „America´s Got Talent“ gibt es reihenweise Darbietungen zu sehen, die man umgehend für Las Vegas durchbuchen könnte.

          P.S.: Da wir insgeheim mit dem ZDF sympathisieren, hier ein persönlicher Wunsch: Gottschalk wieder nach Mainz, egal für was, vielleicht auf die Plätze, die Guido Knopp bislang belegt hat. Und Lanz wieder nach Köln zu RTL. Dort ruhig jeden Abend, im Wechsel mit Jauch. Einfach alles wegmoderieren. Und wenn Lanz beim Wandern in der Arktis oder der Antarktis, dann bitte nur ohne gebührenfinanzierte Kameras.

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