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Von Schirachs „Gott“ im Ersten : Gibt es eine Rechtspflicht zu leben?

Der Sterbewillige und sein Anwalt: Matthias Habich und Lars Eidinger in „Gott von Ferdinand von Schirach“. Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter

Die ARD verfilmt Ferdinand von Schirachs neues Theaterstück „Gott“ als interaktives TV-Event. Schon vor der Ausstrahlung gibt es einen offenen Brief und Diskussionen.

          4 Min.

          Es ist das richtige Dilemma zur falschen Zeit: Würde das neue Theaterstück von Ferdinand von Schirach die moralischen Herausforderungen einer sogenannten Triage behandeln oder die Frage nach der gerechten Verteilung eines knappen Impfstoffes stellen, wäre es das, was es sein will: ganz nah dran am Puls der gesellschaftlichen Debatte. Aber mit dem Thema der Sterbehilfe, des eigenwillig entschiedenen Ablebens, schliddert „Gott“ knapp am aktuellen Streitpunkt der Nation vorbei. Denn gerade denken die Menschen weniger darüber nach, wie sie selbstbestimmt sterben können, als darüber, wie sie alle Vorkehrungen treffen, um nicht in Todesnähe zu geraten.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Trotzdem berührt der Stoff auf seine eigene, geschickt-greifbare Art die letzten Dinge und ist damit zeitgemäß. Im künstlerisch-intellektuellen Betrieb schaut man seit von Schirachs dramatischem Debüt „Terror“ gemeinhin abschätzig auf die Erfolgsproduktionen des schreibenden Strafverteidigers. Zu absehbar in ihrem erzählerischen Spannungsaufbau, in ihrer Dramaturgie zu populistisch finden sie viele.

          Es ist auch etwas dran an der Skepsis gegenüber Schirachs kalkuliert effektvollen, schwierige moralische Fragen in knapper Dialogform aufbereitenden Texten. Die Figuren verkörpern weniger Menschen als Argumentationsweisen – das macht Schirachs Kammerspiele auf paradoxe Weise spannend und gleichzeitig vorhersehbar. Das, was 2016 bei „Terror“ funktioniert hat – die als partizipative Gewissensprüfung mit anschließender Publikumsabstimmung in Szene gesetzte Anklage eines Luftwaffen-Majors, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abgeschossen hatte, das auf ein vollbesetztes Fußballstadion zusteuerte –, funktioniert auch 2020 bei „Gott“.

          Der argumentative Patt ist da

          Ausgangspunkt des ursprünglich erst im Theater und jetzt im Fernsehen präsentierten Moraldilemmas ist hier nicht die Frage, ob 70.000 Leben mehr wert sind als 164, sondern ob ein gesunder Mann kurz vor achtzig von seiner Hausärztin ein tödliches Medikament verschrieben bekommen darf. Schon jetzt gibt es Kritik an der zugespitzten Suggestion einer Ja/Nein-Entscheidung. In einem offenen Brief haben mehrere Psychologen und Mediziner kritisiert, der Film „entwerte die Arbeit von Tausenden in Deutschland tätigen Menschen, die engagiert mit suizidalen Menschen zu tun haben“. Darüber hinaus bewerten sie den Aufbau als tendenziös: „Wie würden die Abstimmungen nach der Aufführung ausfallen, wenn die Reihenfolge der Beiträge anders wäre?“ Es gehe nicht um die Frage, ob es ein Recht auf Suizid gebe, sondern ob es einen Rechtsanspruch gebe „auf einen assistierten Suizid“. Die Diskussion, nicht nur über den ethisch umstrittenen Sachverhalt, sondern auch über die Ethik seiner dramaturgischen Prȁsentation hat also schon vor der Ausstrahlung am Montag begonnen.

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