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Google klebt Fußgänger fest : Kühlerfigur wider Willen

So sieht es aus, wenn passiert, was nicht passieren darf: Ein Fußgänger wird angefahren und klebt auf dem mit Googles Haftcreme bestrichenen Auto fest. Bild: Google

Google will Fußgänger zu Autoaufklebern machen. Sie kleben auf dem Kühler fest, damit sie sich bei einem Aufprall nicht verletzen. Aber fahren die Google-Autos nicht angeblich unfallfrei?

          Wer die Vorstellung wenig anziehend findet, dass uns selbstfahrende Autos bald nicht nur das Fahrvergnügen rauben, sondern auch Jagd auf Fußgänger machen könnten, der soll wohl Googles neuester Erfindung auf den Leim gehen. Die nämlich will dafür sorgen, dass sich gänzlich unmotorisierte und nicht computergestützt ferngesteuerte Menschen - aber auch Zeitgenossen, die selbst mitten auf der Kreuzung nicht den Blick vom Smartphone heben -, angenehm sicher fühlen dürfen, sollte eines von Googles führerlosen Fahrzeugen auf sie zurasen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn sobald dieser fliegende Holländer auf vier Rädern sie erfasst und niederzureißen droht, verwandelt er sich in einen Nachfahren der Goldenen Gans, die der Dummling durch Grimms Märchen treibt, und an der alles und jeder kleben bleibt. Eine Superhaftbeschichtung auf der Motorhaube soll dafür sorgen, dass der unglückliche Fußgänger eben nicht überrollt wird oder über das Dach des Autos geschleudert, sondern als unfreiwillige Kühlerfigur auf derselben kleben bleibt.

          Fußgänger als Kühlerfigur

          Was freilich ein armseliger Ersatz ist etwa für Rolls-Royces berühmte, der griechischen Siegesgöttin Nike nachempfundene Figur „Spirit of Ecstasy“. Egal, Sicherheit ist die Ekstase der Gegenwart, in der selbst Kleinkinder auf Rutschautos Helme tragen. Mit dem Argument, dass unser Leben so viel sicherer werde, wenn nicht mehr unberechenbare Menschen, sondern kühl kalkulierende Computer hinter dem Steuer sitzen, werden uns künftig selbstfahrende Autos als moralischer Imperativ aufgeschwatzt. Dass die autonomen Gefährte noch nicht ganz so gut damit klarkommen, wie unberechenbar die Welt ist, zeigte jüngst ein Unfall im Silicon Valley. Durch das dürfen Googles fahrerlose Fahrzeuge seit zwei Jahren testweise kurven. Eines von ihnen rammte einen Bus - mit einem Tempo von drei Stundenkilometern.

          Und wird dachten, die bauen niemals einen Unfall: Ein Self-Driving-Car von Google, unterwegs in Mountain View, Kalifornien.

          Langsam genug, um auch einen Fußgänger zu erlegen, mag man sich da beim Netzkonzern gedacht haben und brachte das Patent für das Auto, von dem wirklich keiner mehr loskommt, auf die Strecke. Die dem Patentverfahren beigefügte Illustration zeigt, wie man mit ihm am besten einen Fang macht: wenn sich der Fußgänger mit dem Rücken zum Fahrzeugbug stellt, es ihm also in die Hacken fährt. Dann knickt er elegant über die Front und wird davongetragen.

          Aber sammelt sich dann auf der Kühlerhaube, die man wohl nicht mehr liebevoll polieren darf, nicht bald allerhand unerwünschter Beifang? Tote Insekten in Massen, Getränkedosen, die aus dem vorausfahrenden Auto fliegen, ganze Wildschweine gar? Aber nein, heißt es von Google, der rollende Fliegenfänger, der nach Art eines doppelseitigen Klebebandes konzipiert sei, aktiviere sich nur im Falles eines Unfalls. Wir sehen trotzdem schon allerhand Unfug auf uns zurollen: die Wiederkehr des eigentlich längst abgelösten Bikini-Models auf den Karossen, computerfeindliche Maschinenstürmer, die selbstfahrende Autos mutwillig anspringen, Stalker, die sich vors Auto werfen, neue Formen, jemanden abzuschleppen oder mal rasch an der Ecke aufzugabeln, übervorsichtige Verkehrsteilnehmer, die sich in klebrige Ganzkörperanzüge hüllen, für den Doppelhafteffekt bei Havarie.

          Dabei ist das Ansinnen, Fußgänger besser zu schützen im Grunde nicht übel. Nur lässt sich Sicherheit nicht einfach aufkleben. Und für Fahrzeuge, die von Menschen gelenkt werde, ist die Klebetechnik sowieso komplett ungeeignet. Denen versperrte das fixierte Unfallopfer vor der Windschutzscheibe nämlich den Blick für denjenigen, den sie als nächstes überrollen könnten.

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