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Der Weg zum Monopol : Google wäre beinahe verscherbelt worden

  • -Aktualisiert am

Ingenieure am Steuer: Google-Chef Larry Page (vorne) und Chefforscher Sergey Brin. Manager Eric Schmidt steht heute, wie schon im Bild, im Hintergrund. Bild: dpa

Google wäre ein Jahr vor Gründung fast Investoren zum Opfer gefallen. Larry Page und Sergey Brin verkauften in letzter Sekunde nicht. Daraus hat der Investmentkonzern Google viel gelernt.

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          „Es ist erstaunlich, was passiert, wenn die Geschäftsleute übernehmen. Sie orientieren sich am schnellen Gewinn und verlieren jede Vision aus dem Blick.“ Das ist ein Allgemeinplatz. Vorgetragen wird er von einem Geschäftsmann, also ist es vielleicht sogar Koketterie. Aber Vinod Khosla, der Investor, der diese Sätze jetzt auf einer Konferenz seiner Investmentfirma sagte, hat mit Weisheiten wie dieser Milliarden verdient. Und seine Gesprächspartner, die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, konnten noch einiges beisteuern. Sie verrieten sogar ein Geheimnis. Und entlarvten dabei, was es mit dem als „disruptiv“ - also auf technische Innovation versessen - gepriesenen Erfolgsgeheimnis von Google in Wahrheit auf sich hat.

          Das Gespräch hatte einen persönlichen Hintergrund: 1997, ein Jahr bevor Brin und Page Google gründeten, gehörten beide zu einer Gruppe von vier Stanford-Absolventen, die eine Antwort auf das Chaos im jungen Internet suchte. Ihre Lösung war der Page-Rank, die qualitative Bewertung von Websites anhand der Anzahl ihrer Verlinkungen. Das bis heute zuverlässig funktionierende Prinzip erkannte Vinod Khosla damals als revolutionär. Er ging auf Brin und Page zu. „Wie ich mich erinnere, einigten wir uns damals auf 350.000 Dollar“, sagte Khosla. Dieser Preis, sagte Page, sei damals angemessen gewesen. Verkauft habe man die Entwicklung dennoch nicht. „Warum sollten wir mit jemandem zusammenarbeiten, der nicht an die Suche glaubt?“, fragte Page nun rückblickend.

          Google ist ein Investmentkonzern

          Statt sich Investoren anzudienen, wollten Brin und Page ihre Erfindungen selbst zum Geschäft machen. Sie gründeten Google, blieben der Suche treu und ebenso ihren unternehmerischen Tugenden. Man solle nämlich, sagte Page, der Google heute führt, stets zwanzig Jahre vorausdenken, müsse sich aber viel zu häufig mit Quartalsabrechnungen herumschlagen. Das mache es insbesondere den Chefs großer Unternehmen schwer: „Letztlich kann das, was man tut, gar keinen Sinn haben.“ Das sicherste Zeichen des Scheiterns sei demnach, andauernd das Führungspersonal auszutauschen. Um dem zu entgehen, ist Google nun, nach dem Aufbauprogramm des Managers Eric Schmidt, in der Hand von Ingenieuren.

          So wurde aus einer 350.000-Dollar-Idee ein 350-Milliarden-Dollar-Unternehmen. Nur lässt sich das Märchen auch andersherum, anhand vieler gescheiterter Nachahmungen, erzählen. Und wieder steht Google im Mittelpunkt: In den vergangenen dreizehn Jahren hat Google nicht weniger als 160 Unternehmen gekauft, mehr als jeder andere IT-Konzern. Die vier wertvollsten Zukäufe waren insgesamt zwanzig Milliarden Dollar wert. Rund hundert lagen auf dem Niveau des Preises, mit dem Brin und Page damals beinahe verleitet wurden, ihre Idee zu verkaufen. Tatsächlich wurde die stattliche Zahl an Google-Käufen bislang stets unter dem ökonomischen Kalkül beobachtet, Personal und Patente zu jagen. Doch verbirgt sich dahinter etwas anderes: Google fürchtet, selbst einem kleinen, schnellen Konkurrenten zum Opfer zu fallen.

          Es hat sogar ironische Züge, dass Brin und Page heute davor warnen, Geschäftsleute ohne unternehmerische Vision ans Steuer zu lassen. Die Pointe dafür lieferte ausgerechnet Vinod Khosla: Es lag nämlich nicht nur an Brin und Page, dass der damalige Verkauf nicht zustande kam. Es sei, sagte Khosla, auch schwer gewesen, das Management-Team seiner Firma davon zu überzeugen, mehrere hunderttausend Dollar für die Ideen von ein paar Studenten auszugeben.

          Heute steht Google allein an der Spitze vieler Märkte. Aber nicht nur wegen seiner technischen Innovationen. Tatsächlich ist Google längst selbst einer der größten Investmentkonzerne. Und weiß, wie es sich Märkte freihält. Viele abenteuerliche Investitionen wurden nur getätigt, um Unternehmen zu schließen und Dienste einzustellen. Im Silicon Valley rühmt sich Google für seine zerstörerische Kreativität. Doch die gibt es nur intern. Für alles andere schickt Google seine Geschäftsleute los - mit klarem Ziel und nur einer Vision: Märkte zu beherrschen.

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