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Buchstabendreher : Google bringt uns das Alphabet neu bei

Google will der Welt zeigen, wie man buchstabiert. Bild: Reuters

Eine revolutionäre Idee ist die Umstrukturierung des Konzerns Google nicht. Dennoch ernten Larry Page und Sergey Brin für die Gründung der Holding mit dem lässigen Namen Alphabet übertriebenen Applaus.

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          Der Name ist wirklich genial. Und drückt aus, wofür der Konzern Google sich hält. Im Anfang war das Wort? In der analogen Welt mag das so sein. In der digitalen Welt lautet die Eschatologie anders: Im Anfang ist Google, und am Ende steht es auch. Deshalb heißt die neue Holding des Unternehmens „Alphabet“. Von A bis Z - alles ist Google, und Google ist alles. Wer in seine Online-Suchleiste „abc.xyz“ eingibt, landet folglich ebendort. Lässiger und knapper kann man seinen Machtanspruch nicht fassen. Der selbstverständlich gleich seine Spötter hat: Einfach mal in den Browser „abc.wtf“ eingeben - „wtf“ für das abgekürzte Schimpfwort - oder „abc.fail“ - „fail“ wie „Fehler“ -, schon landen wir bei der Suchmaschine Bing von Microsoft, wo man Google die A-bis-Z-Angeberei wohl übelnimmt.

          Ein Kommentator im Unternehmensblog von Google verweist derweil darauf, dass man über den Namen der neuen Konzernmutter „Alphabet“ zwei wichtige Buchstaben nicht vergessen dürfe: „T“ wie „Titanic“ und „E“ wie „evil“. Niemals böse oder teuflisch zu sein, so erinnern wir uns, hat sich Google gleich zu Beginn seiner Geschichte auf die Fahnen geschrieben. Als der Konzern seine Anteile an die Börse brachte, sprach man beim Ankündigungsbrief der Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page sogar vom „Don’t-be-evil-Manifest“. Und wie die Titanic will Google selbstverständlich auch nicht enden - nicht als Dickschiff, das gegen den Eisberg läuft. „Disruptive“ wollen die Googlerianer sein, also alles jederzeit in Frage und auf den Kopf stellen, auch sich selbst. Das ist das Erfolgsrezept, auf das Sergey Brin und Larry Page bis heute schwören, wie Page in seiner geradezu rührenden Blogerklärung zum Tage schreibt. Vor elf Jahren hätten sie gesagt: „Google ist keines der üblichen Unternehmen. Wir haben nicht vor, eines zu werden.“ Dabei bleibe es.

          Der Erfolg des sektenhaften Geists

          Doch bleibt es das wirklich? Google in eine Holding zu verwandeln ist wahrlich keine revolutionäre Idee. Das Unternehmen bekommt eine klare Struktur, die einzelnen Abteilungen werden markant voneinander getrennt - von der Suchmaschine über die selbstfahrenden Autos bis zu den Gesundheitsdiensten und der Drohnenentwicklung -, und noch einmal wird deutlich, dass Google längst mehr ist als die besagte Suchmaschine, die vor allem eine gigantische Datenschleuder und ein Werbeimperium darstellt. Und einen nicht ganz unwichtigen Effekt für die Personalplanung hat das Ganze auch, worauf kundige Beobachter hinweisen: Der als Wunderheiler gepriesene bisherige Souschef Sundar Pichai wird Google-Boss und also nicht mehr so leicht von der Konkurrenz abgeworben werden. So nüchtern kann man das sehen.

          Im Google-Sprech klingt das ganz anders, im Superlativ und visionär, mindestens so visionär wie bei dem legendären englischen Landschaftsarchitekten Lancelot Brown (1716 bis 1783), der fortwährend „great capabilities“ erkannte und tatsächlich nutzte, so dass er bis heute unter seinem Spitznamen Capability Brown bekannt ist. Die Landschaft umpflügen, sich die Erde untertan machen, das ist nach dem Geschmack der Google-Jungs. Eric Schmidt, der Aufsichtsratschef von Google und nun Alphabet, findet den neuen Namen einfach „awesome“, also eindrucksvoll, phantastisch, oder sollen wir sagen: hammergeil? Schmidt und viele andere, die den Kollegen Brin und Page zu „Alphabet“ gratulieren, sind derart aus dem Häuschen, dass man sich fragt, ob sie einen im Tee haben oder tatsächlich an ihre Glücksformeln glauben. Aber auch dieser sektenhafte Geist macht den Erfolg von Google aus. Und der Erfolg hat Google bislang immer recht gegeben. Nur in Europa haben die Alphabetisierer aus dem Silicon Valley bislang den einen oder anderen Dämpfer erhalten. Weil man hier die Ordnung der Welt ein wenig anders buchstabiert als in den Vereinigten Staaten.

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          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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