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Google Music : Mixtape für fünfundfünfzig Tage

Google music will die Konkurrenz herausfordern - die ist mit Riesen wie iTunes und Amazon nicht gerade klein. Bild: dapd

In den Vereinigten Staaten verkauft Google jetzt Musik. Auch ein Speicherdienst gehört dazu, und teilen darf man die Stücke - das dürfte der Gema nicht gefallen.

          Aus dem Dienst mit dem sperrigen Namensprovisorium „Music Beta by Google“ wurde nun höchst offiziell Google Music. Das heißt: Von sofort an dürfen Nutzer auch ohne Einladung beitreten, um Musik zu kaufen, online zu speichern und über Streaming mobil abzuspielen. Voraussetzung ist ein Google-Konto - und ein Wohnsitz in den Vereinigten Staaten. Denn dort gelang im Laufe des Sommers die Einigung mit den großen Plattenfirmen, Universal, EMI und Sony, nachdem „Music Beta“ zunächst als reiner Streamingdienst startete. Nur Warner ist noch nicht dabei.

          Dass Kunden den Dienst auch hierzulande bald nutzen können, ist eher unwahrscheinlich. Denn Google Music beschränkt sich nicht auf den reinen Verkauf: Es darf auch getauscht und geteilt werden. Das dürfte in Deutschland zum Problem werden. Die zu Google gehörende Videoplattform Youtube hat es bislang noch nicht geschafft, sich mit der Verwertungsgesellschaft Gema zu einigen - so lange dürfen selbst Künstler ihre eigene Musik nicht kostenlos verbreiten, wenn sie unter Copyright steht.

          Verkaufsplattform neben kostenlosen Diensten

          Aber die Richtung ist klar: Google scheut sich nicht, neue Bereiche auch dort zu erschließen, wo sich schon gut eingeführte Anbieter breitgemacht haben. Im Bereich der sozialen Netzwerke tritt man mit Google plus gegen Facebook an, und Google Photos befindet sich zur Zeit in der - für die Öffentlichkeit nicht einsehbaren - Testphase, um der zu Yahoo gehörenden Konkurrenzplattform Flickr Nutzer abzugraben.

          Nun tritt neben kostenlose, werbefinanzierte Dienstleistungen erstmals eine Verkaufsplattform. Dazu wird der bestehende „Android Market“ genutzt, der App-Store für Mobilgeräte wie Smartphones und Tablet-PCs, die mit Googles Betriebssystem Android ausgestattet sind. Bisher konnte man dort nur Spiele und andere Anwendungen, die meist von Drittanbietern bereitgestellt werden, teilweise kostenlos, teilweise kostenpflichtig herunterladen. Bezahlt werden kann mit Kreditkarte, nun soll es amerikanischen T-Mobile-Kunden auch möglich gemacht werden, über die Telefonrechnung zu bezahlen, die Verhandlungen mit PayPal laufen bereits parallel dazu.

          Viel Speicherplatz in der „Cloud“

          Jetzt kommen zu den rund 560 000 Anwendungen im Android Market etwa dreizehn Millionen Musiktitel hinzu - iTunes bietet derzeit rund zwanzig Millionen an. Aber Google Music hat einige wirklich nützliche Zusatzfunktionen: Während iTunes-Stücke auf die Festplatte geladen und von dort mit mobilen Abspielgeräten wie iPod oder Smartphone synchronisiert werden müssen, können bei Google alle Stücke online in der „Cloud“ gespeichert werden - bis zu 20 000 Stück, heißt es. „Ein 55 Tage langes Mixtape“, so Google, das weder Festplatte noch Regalplatz einnimmt. Auch bei iTunes gekaufte oder von eigenen CDs geladene Stücke nimmt die Google-Cloud kostenlos auf - iTunes mit „Match“ und Amazon bieten einen ähnlichen Service, allerdings nicht kostenfrei.

          Entscheidend ist die Verknüpfung mit dem sozialen Netzwerk Google plus, das nach dem großen Ansturm in der Anfangsphase derzeit, freundlich ausgedrückt, etwas stagniert. Nach und nach werden neue Funktionen eingebettet, etwa die Möglichkeit, private Nachrichten zu senden, zu chatten oder Firmenseiten zu erstellen. Nun lassen sich, zumindest in den Vereinigten Staaten, auch bei Google Music gekaufte Musikstücke dort teilen, die andere Nutzer ihrerseits einmal anhören und dann bei Gefallen selbst kaufen können.

          Direktvermarktung für Nachwuchsmusiker

          Interessant dürfte Google damit auch für Sänger und Bands werden. Diese hatten sich im sterbenden Netzwerk „MySpace“ eingerichtet, das inzwischen in der völligen Bedeutungslosigkeit versunken ist. Für Künstler war das eine gute Möglichkeit, Musikdateien online zum Anhören bereitzustellen, ohne dass Nutzer sie herunterladen konnten.

          Musiker ohne Plattenvertrag können sich jetzt in Googles „Artist Hub“ für 25 Dollar eine eigene Seite im Android Market einrichten und ihre Stücke direkt vermarkten und verkaufen, dreißig Prozent des Verkaufserlöses behält Google, weitere Gebühren fallen nicht an. Diese Funktion wäre sogar in Deutschland schon ohne weiteres möglich - aber solange es nicht zu einer Einigung mit der Gema kommt, wird der gesamte Dienst hierzulande wohl nicht angeboten. Geholfen ist damit am Ende keinem: Wer Freunde via Internet auf Musik aufmerksam machen will, greift in Zeiten der Youtube-Sperren notgedrungen zum halblegalen Streamingdienst „Grooveshark“. Wie lange noch, steht in den Sternen, denn die Universal Music Group will dagegen nun klagen - wohl vor allem deshalb, weil der Marktführer bereits einen Lizenzvertrag mit dem Konkurrenzdienst „Spotify“ geschlossen hat..

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