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Google-Maps : Die perfekte Zielscheibe

Wer, wann, wo und mit wem: Google-Maps kann längst mehr, als nur Örtlichkeiten darzustellen Bild: AP

Wer, wann, wo und mit wem: Mit dem Angebot von Google-Maps lässt sich im Internet viel Schindluder treiben. Völlig legal können Nutzer die digitalen Karten mit anderen Daten verbinden und Zeitgenossen öffentlich an den virtuellen Pranger stellen.

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          Ohne voneinander zu wissen haben sich Fred Learner und Frank Loman für die gleich Sache engagiert: Sie haben Geld gespendet, um in dem amerikanischen Westküstenstaat Kalifornien die sogenannte „Proposition 8“ durchzubekommen. So heißt jener Verfassungszusatz, über den die Kalifornier parallel zur Präsidentschaftswahl am 4. November des vergangenen Jahres abgestimmt haben und der eine Ehe als eine Verbindung zwischen Mann und Frau definiert - schwule und lesbische Paare können seitdem dort nicht mehr heiraten.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Über Learner und Loman ist allerdings noch mehr bekannt geworden als bloß ihre Einstellung zur „Homo-Ehe“: Learner spendete hundert Dollar, Loman zehntausend. Learner ist Student, Loman selbständiger Unternehmer. Learner wohnt mitten in San Francisco, Loman etwas außerhalb.

          Morddrohungen und Giftbriefe

          Dass der Einblick in Meinung und ausgewählte persönliche Daten der beiden grundsätzlich möglich geworden ist, liegt an einem Gesetz, demzufolge der Staat Kalifornien politisch motivierte Spenden veröffentlicht und die Spendenhöhe und den Namen des Spenders preisgibt. Dass diese Daten kompakt verfügbar und vor allem kinderleicht zugänglich sind, liegt an den Möglichkeiten des modernen Internet. So ist auf der Internetseite eightmaps.com eine Karte Kaliforniens abgebildet, auf der alle Spender samt Beruf und meist auch aktuellem Arbeitgeber eingetragen sind, welche die „Proposition 8“ unterstützt haben. Ebenfalls aufgeführt ist dort das Prinzip, nachdem die Seite erstellt wurde: als ein „Mashup“ zwischen dem digitalen Kartenanbieter Google-Maps und der Spenderdatenbank des Bundesstaates Kalifornien.

          „Das hier sind die Leute, die (für die Proposition 8) gespendet haben“, steht über der Karte. Die Markierungen, die darunter auf Wohnort und Person verweisen, sehen - rot, rund und mit einem schwarzen Punkt in der Mitte - aus wie kleine Zielscheiben. In diesem Fall sind sie sogar tatsächlich dazu geworden. Wie die „New York Times“ berichtet, haben einige Spender mittlerweile Morddrohungen erhalten, andere sollen Briefumschläge bekommen haben mit einer „pulverartigen weißen Substanz“. Und wo bekannt, seien auch Firmen boykottiert worden, wenn ein Pro-Proposition-Spender unter den Angestellten ist. Anonym geblieben ist in der ganzen Geschichte bisher einzig derjenige, der die über jeden Internetzugang erreichbare Seite erstellt hat.

          Google macht's möglich

          Dass das so sein kann, liegt daran, dass grundsätzlich jeder, der sich mit der Technik auskennt, ohne große Mühe eine entsprechende Seite online stellen kann. Das Programm Google-Maps bietet dafür eine offene Schnittstelle an und Google selbst einen entsprechenden Editor, mit dem man eine beliebige Karte mit einer externen Datenbank verknüpfen kann. „Dabei gelten natürlich unsere Geschäftsbedingungen“, sagt ein Unternehmenssprecher.

          Dort wird denn auch als unzulässig bezeichnet, bei der Verwendung von Google-Maps „von Dritten verfügbar gemachte Dateien herunterzuladen, von denen Sie wissen oder billigerweise wissen sollten, dass ihre Verbreitung rechtswidrig ist“. Zudem dürfen die Inhalte nicht diffamierend, obszön oder rechtsextrem sein.

          Verknüpfen kann man alles mit jedem

          Das Dilemma im aktuellen Fall ist, dass die Art und Weise, wie hier Daten aufbereitet werden, nicht grundsätzlich verboten ist. Gerade in den Vereinigten Staaten ist es populär, mittels „Mashups“ (Collagen) Daten darzustellen. So ist etwa das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl aufbereitet worden, man kann sehen, welche Städte in welchen Bundesstaaten für Obama abgestimmt haben. Es gibt eine Seite, die zeigt, wo Kunden wohnen, die Geld verloren haben, als das Schneeballsystem des Finanzjongleurs Bernard Madoff aufflog. Auch australische Buschbrände sind mit einer Google Map verknüpft worden, ebenso wie die Herkunftsorte von jugendlichen amerikanischen Umweltaktivisten, die an einer Konferenz in Washington teilnehmen wollen.

          Pauschal lässt sich die Technik und deren freie Verfügbarkeit nicht verurteilen. Das Problem ist, dass Kartenanbietern wie Google-Maps nicht bekannt ist, wann und unter welchem Namen entsprechende Seiten im Netz (weltweit) auftauchen - weil eben jeder das darf und viele davon Gebrauch machen. Zudem verweist man bei Google darauf, dass das Unternehmen nur die Technik bereitstelle. „Die Seiten, die im Netz auftauchen, sind keine Google-Seiten“, so der Sprecher. Nur: Hört deshalb tatsächlich die Verantwortung für Nutzung und Inhalte auf? Der „Mashup“ zu „Proposition 8“ jedenfalls ist eine perfekte Zielscheibe.

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