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„Good Girls Revolt“ : Sie wollen doch nur arbeiten

Nase voll vom Kaffee kochen: Patti Robinson (Genevieve Angelson) will kein gutes Mädchen mehr sein, sondern Journalistin. Bild: Amazon

Als Frauen auf die Barrikaden gingen, um Journalistinnen sein zu dürfen: Die neue Amazon-Serie „Good Girls Revolt“ ist eine sehenswerte Geschichtslektion aus dem nicht allzu fernen Jahr 1970.

          Nora Ephron war eine ziemlich bekannte Autorin. Sie schrieb das Drehbuch für die Filmkomödien „Harry und Sally“ und „Schlaflos in Seattle“ – vor allem auch deshalb, weil sie feststellte, dass man als Drehbuchautorin mehr verdient als mit journalistischer Arbeit. Man bekommt in Hollywood auch nicht ganz so viele Steine in den Weg gelegt wie in den New Yorker Newsrooms.

          Als Ephron sich im Jahr 1962 bei dem amerikanischen Magazin „Newsweek“ bewarb, wurde ihr lapidar mitgeteilt, dass man dort grundsätzlich keine Frauen als Journalisten anstelle, aber sie könne doch gerne die Post verteilen. Ansonsten beschäftigte „Newsweek“ einen ganzen Pool an Rechercheurinnen, die die Hauptarbeit machten, die telefonierten und fragten und schrieben und Witwen schüttelten, so dass die Journalisten das Material nur noch zusammenschreiben und ihre Namen darüber setzen mussten. Berufliche Aufstiegschancen waren für die Rechercheurinnen nicht vorgesehen – ein Entkommen aus dieser Karrieresackgasse gab es nur durch Heirat.

          Das war bis 1970 so. In diesem Jahr nämlich kam es zu einer Sammelklage von sechzig Frauen gegen „Newsweek“, darunter auch Ephron sowie die Journalistin Lynn Povich, selbst Tochter eines bekannten Sportjournalisten, die ihre Erinnerungen 2013 unter dem Titel „Good Girls Revolt: How the Women of Newsweek Sued Their Bosses and Changed the Workplace“ aufschrieb. „Good Girls Revolt“ heißt nun auch die Serie, die Amazon aus dieser Vorlage machte. Nora Ephron taucht als Figur auf – gespielt von Grace Gummer, der Tochter von Meryl Streep und Don Gummer – die meisten anderen Beteiligten sind jedoch fiktiv, und das Blatt heißt nun leicht abgewandelt „News of the Week“. Dieses Magazin kämpft darum, eine jüngere Leserschaft zu erreichen und auf der Höhe der Zeit zu bleiben, doch auf die Idee, die Emanzipationstendenzen der Gesellschaft in seiner Redaktion umzusetzen, kommt Chefredakteur Finn Woodhouse (Chris Diamantopoulos) nicht.

          „Mad Men“ hat Standards gesetzt

          Der Vergleich mit der Serie „Mad Men“, jenen dauerbesoffenen Werber-Chauvinisten von der Madison Avenue, liegt natürlich nahe und wird auch häufig bemüht. Was die hervorragende Ausstattung angeht, das genaue Auge auf die Details des damals noch sehr analogen Büroalltags und die für ihre Zeit prägenden Frauen- und Männertypen, ist die Parallele nicht von der Hand zu weisen. „Mad Men“ hat da Standards gesetzt und ist nicht ganz unschuldig daran, dass plötzlich alle Welt wieder in dänischen Teakmöbeln wohnen will. Auch die zeitgenössischen Entwicklungen wie die Bürgerrechts- und die Friedensbewegung werden in beiden Serien miterzählt.

          Rechtsanwältin, Professorin und Aktivistin für Frauenrechte: Joy Bryant als Eleanor Holmes Norton ermutigt die Frauen, sich zu wehren.

          Doch den sehr trockenen, unterschnittenen Witz der „Mad Men“ erreicht „Girls Revolt“ nicht. Da kommt so manche Lektion doch noch etwas zu schwarzweiß daher, da ist das Gespür für die Peinlichkeiten sozialer Interaktion, die Matthew Weiners Serie auszeichnete, nicht ganz so ausgeprägt. Doch von Folge zu Folge steigert sich die Komplexität, da wir immer mehr über die Figuren erfahren, sie zu Hause besuchen, Anteil an ihren Hoffnungen und Entwicklungen nehmen. Und Verständnis entwickeln für die kühle, konservative Jane (Anna Camp), die vermeintlich so naive Cindy (Erin Darke mit der schlimmsten Föhnwelle seit Hairspray) und der Protagonistin Patti, dem Hippiemädchen, das sich abends bekifft die Nachrichten anschaut und ansonsten kein Blatt vor den Mund nimmt. Am Ende der ersten Staffel reichen die Journalistinnen offiziell ihre Beschwerde ein, es wird also mit diesen zehn Folgen nicht getan sein. Für eine zweite Staffel gibt es zurzeit aber noch keine offizielle Bestätigung von Amazon.

          Aufs schönste mit den Verhältnissen arrangiert

          Die zweite Figur neben Ephron, die aus dem echten Leben gegriffen ist, ist Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant), damals eine junge schwarze Anwältin, Professorin, Aktivistin und hochschwanger. Sie ermutigte die Frauen, keine „Good Girls“ mehr zu sein und die Zwei-Klassen-Gesellschaft des Magazins vor Gericht zu bringen, da sie klar gesetzeswidrig sei. Wie schwierig es damals jedoch war, genug Frauen für diese Beschwerde zusammenzubringen, das zeigt „Good Girls Revolt“ recht eindrücklich. Nicht wenige hatten sich bereits aufs schönste mit den Verhältnissen arrangiert, und die Aussicht auf einen begüterten Ehemann, ein angenehmes Leben ohne allzu große Sorgen oder Verantwortung, dafür aber Anerkennung in ihrer gesellschaftlich vorgezeichneten Rolle erschienen ihnen durchaus erstrebenswert. Andere hatten schlichtweg Angst, ihre minderbezahlte Stelle zu verlieren.

          Es sind schließlich ganz normale Frauen, die hier um etwas kämpfen müssen, was ihnen eigentlich per Gesetz zusteht, und keine wilde Horde rebellischer, Unterwäsche verbrennender Feministinnenkarikaturen. Sie stammen aus guten Familien und sind bestens ausgebildet. Es handelt sich auch nicht um eine ferne Vergangenheit, sondern um das Jahr 1970, in dem angeblich alle längst befreit sind, kurze Röcke tragen und wilde Partys feiern. Wie nah uns diese Kämpfe um Gleichheit in einem Klima selbstverständlich ausgetragener Ungerechtigkeit heute noch sind, das vergessen wir gern. Nachhilfestunden in Kultur- und Sozialgeschichte in Form von gutgemachten Serien kommen da gerade recht.

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