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Golden Globes : Panoramen amerikanischer Angst

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Nagende Verzweiflung, furchterregende Intensität: Szene aus „American Horror Story“ mit Dylan McDermott, Taissa Farmiga und Connie Britton (von links) Bild: dapd

Fünf Fernsehserien sind für die Golden Globes nominiert, die am kommenden Sonntag verliehen werden. Sie haben ihre Meriten. Doch das beste Stück der Saison fehlt.

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          Blickt man auf die Liste der Nominierten für die besten Fernsehserien bei der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung am kommenden Sonntag, drängt sich der Eindruck auf, dass nichts die amerikanische Phantasie im Vorwahlkampf so fasziniert wie Geschichten um Macht und Korruption. „Boardwalk Empire“ handelt von der Entstehung der organisierten Kriminalität während der Prohibition. „Game of Thrones“ spielt die politischen Intrigen in einem mittelalterlichen Epos durch, das den „Herrn der Ringe“ wie eine Kindergartengeschichte aussehen lässt.

          „Boss“ thematisiert am Beispiel eines Chicagoer Bürgermeisters und seines Gefolges die dunklen Mechanismen der politischen Kultur. „Homeland“ wirft einen Blick auf die psychischen Verwerfungen in der Folge des 11. September 2001. Nur einer der fünf Kandidaten - „American Horror Story“ - ist kein offensichtlich politisches Drama, wenngleich auch hier die Machtrangeleien einer Handvoll Untoter die Geschichte vorantreiben.

          Ein brodelndes, furchterregendes Schauspiel

          Trotzdem steht „American Horror Story“ verdientermaßen auf der Liste. Die Serie aus der Feder des rundum begabten Ryan Murphy (er machte außerdem die Schönheitschirurgen-Farce „Nip/Tuck“ und das Highschool-Musical „Glee“) brachte in der ersten Saison eine ganze Familie unter die Erde und macht klugen Horror im Gefolge von „The Walking Dead“ salonfähig. Die Geschichte um ein von untoten Ermordeten bevölkertes Haus, in dem eine krisengeschüttelte Familie Rekonvaleszenz sucht, entfaltet sich zu einer unwiderstehlichen Moritat über seelische Abgründe. Ihre so düstere wie schräge Aura und vor allem die Darsteller machen das Stück zu einem faszinierend vielschichtigen Panorama der Angst.

          Eine neue Ikone des amerikanischen Fernsehens: Jessica Lange (links, mit Frances Conroy) spielt die eisige Südstaatendiva Constance

          Dylan McDermott als untreuer Ehemann und Psychotherapeut Ben Harmon verliert hier langsam, aber sicher den Verstand als Stütze seines Lebens und seiner Lügen, Connie Britton als die von einer Fehlgeburt und einer Affäre erschütterte Ehefrau Vivien spiegelt die nagende Verzweiflung mit furchterregender Intensität, Taissa Farmigas brodelnde Darstellung der depressiven Teenagerin Violet sucht ihresgleichen. Und Jessica Lange erschafft mit der Südstaatendiva Constance, die ihren eigenen Horror unter eisiger Contenance verborgen hält, eine neue Ikone des amerikanischen Fernsehens. Ryan Murphy übrigens kündigte kürzlich an, in der zweiten Staffel mit einer neuen Horrorstory gleichsam noch einmal von vorn zu beginnen - ein Zeichen für den weiten Horizont des amerikanischen Serienfernsehens.

          In jeder Episode wird eine weitere Persönlichkeitsschicht freigelegt

          Diesen Horizont hat auch „Homeland“ erweitert. Die Serie stellt sich den Konsequenzen des Terrors vom September 2001 für die amerikanische Psyche. Die Geschichte um den Kriegsheimkehrer Nick Brody (spröde und undurchsichtig: Damian Lewis), der acht Jahre in Al-Qaida-Gefangenschaft überlebte, und die paranoide CIA-Agentin Carrie Mathison (hochnervös: Claire Danes), die Brody für einen „umgedrehten“ Terror-Schläfer hält, ist ungemein spannend.

          Wirft einen Blick auf die psychischen Verwerfungen in der Folge des 11. September 2001: „Homeland“ (Szene mit Damian Lewis und Claire Danes)

          Den Serienautoren Alex Gansa und Howard Gordon, die zuvor Jack Bauers vergleichsweise unkomplizierte Abenteuer in „24“ schrieben, ist es gelungen, in jeder Episode eine weitere Schicht ihrer Figuren freizulegen und ihre wahren Motive in ein zunehmend komplexes Universum zu integrieren. Vielschichtig, aktuell, kompromisslos - auch „Homeland“ verdiente die Auszeichnung als beste Dramaserie 2011.

          Schwerer Stand im Schatten der „Sopranos“

          „Game of Thrones“, das Fantasy-Epos von HBO nach den Büchern von George R.R. Martin, ist zwar weitab der bedrückenden Aktualität von „Homeland“ angesiedelt - in den sieben Königreichen von Westeros, wo die Kräfte der Natur unerbittlich walten. Doch die Verwüstungen des politischen Handels stehen auch hier im Zentrum. Die Adaption von Martins vermeintlich unverfilmbaren Romanen ist jedenfalls auf berückende Weise geglückt.

          Besticht durch hinreißende Ausstattung, kommt insgesamt aber etwas dünn daher: „Boardwalk Empire“ von Martin Scorsese (Szene mit Steve Buscemi)

          Mit „Boss“ und „Boardwalk Empire“ sind zwei weitere große Serien im Rennen, denen allerdings die nötige Wucht fehlt. „Boss“, ein Politdrama um einen korrupten Chicagoer Bürgermeister (Kelsey Grammer) mit einem verheimlichten Hirnleiden, würde vielleicht weniger altbacken wirken, wenn es David Simons unerreichte Korruptionsserie „The Wire“ nicht gäbe. Ebenfalls etwas dünn kommt „Boardwalk Empire“ daher, eine Serie über die politische Korruption in einem Ostküsten-Seebad zu den Prohibitionszeiten um 1920. Das von Martin Scorsese produzierte Stück besticht durch hinreißende Ausstattung, kommt aber aus dem mächtigen Schatten der „Sopranos“ nicht heraus, deren Muster es in die Vergangenheit zurückprojiziert.

          Nur ein Trostpflaster für die beste Serie

          Das beste Stück des Jahres 2011 allerdings fehlt auf der Nominiertenliste: „Breaking Bad“. Selten hat eine Serie so gnadenlos fortentwickelt, was sie ursprünglich in Gang setzte. Aus Walter White (Bryan Cranston), einem verhuschten Chemielehrer, der Größeres scheute, ist in der vierten und bisher besten Staffel ein mit allerlei Skrupeln behafteter Killer geworden.

          Ausgerechnet das beste Stück des Jahres geht leer aus: Szene aus „Breaking Bad“ mit Bryan Cranston und Aaron Paul

          Vince Gilligan, der Erfinder von „Breaking Bad“, hat Whites schwarzhumorige Entwicklung vom unbeholfenen Kriminellen aus Not - er begann mit dem Herstellen des Aufputschmittels Methamphetamin, um seiner Familie die finanziellen Konsequenzen seiner Krebserkrankung zu ersparen - zum Dunkelmann der Macht brillant in Szene gesetzt. „Ich habe gewonnen!“, sagt Walt am Ende der Staffel. Bryan Cranston, sein Darsteller, kann das am nächsten Wochenende vielleicht auch von sich behaupten: Er ist als bester Darsteller nominiert. Immerhin also ein Trostpflaster für „Breaking Bad“.

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