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Ein Treffen mit Götz Alsmann : Die freundliche Subversion

Götz Alsmann beim Konzert in Wiesbaden Bild: Frank Röth

Gibt es ein Leben nach mehr als siebenhundert Sendungen „Zimmer frei“? Und gibt es gute Fernsehunterhaltung wirklich nur in der Vergangenheit? Ein Treffen mit Götz Alsmann, natürlich in Münster.

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          Er sitzt da, einen Ukulelenweitwurf entfernt vom Dom in Münster, und schaut auf sein Smartphone. Er trägt einen dreiteiligen wollenen Anzug und einen großen Ring und eine alte Uhr, und später wird Götz Alsmann davon erzählen, wie er nächtelang auf Youtube versackt ist, weil er dort nach Videos des großen Gitarristen Buddy Merrill gesucht hat, um dessen Technik zu studieren. „Da musste man wirklich auf mich aufpassen“, sagt Alsmann.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Gute an diesem Internet ist ja, dass man jetzt einfach googeln kann, wer dieser Merrill war, und dann versteht, warum ein Entertainer und Ukulelenspieler wie Götz Alsmann ihn so liebt. Und das Internet eben auch. Weil selbst jemand wie Alsmann, der sich im Jazz und im Swing und im Schlager auskennt wie nur wenige andere, dort noch Sachen findet, die er bislang nicht kannte.

          Nicht nur schwarzweiße Filme von Großmeistern an der Fender-Gitarre, auch amerikanische Talkshows der frühen Jahre wie „What’s My Line“, das Vorbild von „Was bin ich?“. Lauter Schätze, die verlorengingen, wenn es dieses unendliche Archiv nicht gäbe. Und die andersherum das Archiv bereichern, das dieser Götz Alsmann, promovierter Musikhistoriker, Honorarprofessor an der Uni Münster, selbst ist. Zwei Stunden Kaffee und Kuchen mit ihm und man hört lauter Namen, die man noch nie gehört hat, von Musikern genau wie Entertainern, deutsche, französische, amerikanische.

          Drei Dinge, die wahrscheinlich jeder von Götz Alsmann weiß. Erstens: Haartolle. Zweitens: Münster. Und drittens: dass er so „altmodisch“ sei, so „aus der Zeit gefallen“. Das liest man jedes Mal, wenn es um Götz Alsmann geht. Nicht, dass er das nicht selbst kultiviert hätte, es sind ja schließlich seine Haare, und er wohnt in Münster und redet drüber, vermutlich seit er 1957 dort geboren wurde.

          Ein Kind der Bundesrepublik

          Aber eigentlich ist Götz Alsmann überhaupt nicht aus der Zeit gefallen. Im Gegenteil, er ist in seiner Vergangenheitssucht und seiner Archivseligkeit ein ziemlich lebendiges Kind seiner Zeit. Ein Kind der Bundesrepublik, die ein spezifisches historisches Bewusstsein hervorgebracht hat, eine Zitatkultur. Zerstörte Traditionen, alliierte Popkultur, ein ungeklärtes, nie mehr richtig selbstverständlich werdendes Selbstverständnis: wie viel Platz das schafft, was für eine Chance zur Selbstformatierung, wenn man sich das traut.

          Alsmann, der Nostalgiker, der als Teenager mit seiner Band auch in Punkclubs auftrat, weil die Punks und die Nostalgiker damals die gleichen Feinde hatten, nämlich die Hippies, hatte ihn. Und die Unbeirrtheit, an seinem Style festzuhalten, sei er noch so beknackt, aber das tun Punks ja schließlich auch. Und Leute, die Hiphop hören und sogar Indierocker. Altmodisch sein kann man nur zu den Bedingungen der Gegenwart. Es ist immer ein Style von heute.

          Und jetzt zu „Zimmer frei“, der Fernsehshow im WDR, die vor zwanzig Jahren eher zufällig entstanden ist und die Alsmann gemeinsam mit Christine Westermann seitdem mehr als siebenhundert Mal moderiert hat. Im nächsten Jahr ist es vorbei. Das haben die beiden schon vor langer Zeit entschieden.

          Gerade haben sie in einer Spezialausgabe an all die großen Gäste von „Zimmer frei“ erinnert, die nicht mehr am Leben sind: an Otto Sander, der sein Bilderrätsel fast nicht rausgekriegt hätte. An Harald Juhnke, der aus dem Stand beide Rollen aus „Romeo und Julia“ deklamierte. Und an den kleinen, großen Jazzpianisten Paul Kuhn, den Alsmann auf der Gitarre begleiten durfte. Er leuchtet, wenn er davon erzählt. Und er wird schon etwas wehmütig, dass es jetzt zu Ende geht mit „Zimmer frei“, auch wenn das ja freiwillig passiert. „Meiner Musik verdanke ich meinen Lebensunterhalt“, sagt Alsmann, „,Zimmer frei‘ alles weitere“.

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