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Goethes „Werther“ verfilmt : Bleib mir weg mit dem schönen Drama

  • -Aktualisiert am

Wie Stefan Konarske Werthers berühmte letzte Worte vorbringt, das raubt einem den Atem Bild: © Nils Kinder

Arte hat Goethes „Werther" verfilmt. Im Hier und Jetzt erscheint er als juveniler Trauerkloß zwischen Rapperjargon und gesteltzter Umgangssprache. Goethes Scharfsicht erkennt man nicht mehr.

          1976, vor Urzeiten also, wurde der Werther, genauer: die Verfilmung von Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W.", zum Karrierekatapult des Schauspielers und Liedermachers Klaus Hoffmann. Vom allerneuesten, lapidar "Werther" betitelten Film nach Goethes legendärem Briefroman vom Liebenden, der den Tod wählt, weil seine Gefühle ins Leere schießen, lässt sich Ähnliches keineswegs erwarten. Nicht, weil der Titeldarsteller Stefan Konarske seit seinem 2006 enthusiastisch gefeierten Orest am Berliner Deutschen Theater keine Werthersche Schützenhilfe mehr braucht.

          Auch nicht, weil Werthers angebetete Lotte von Hannah Herzsprung gespielt wird, die nach preisgekrönten Filmrollen in Chris Kraus' "Vier Minuten" und Alain Gsponers "Das wahre Leben" auf dem Weg zum Starstatus ist, den sie erreicht haben dürfte, sobald ihre Hauptrollen in der "Vorleserin" und dem "Baader-Meinhof-Komplex" das Publikum erreichen. Weshalb dieser Werther niemanden ins allgemeine Gedächtnis katapultieren wird, das ist die banale Tatsache, dass der Film Uwe Jansons unendlich langweilig ist.

          Wie es der Prolog verheißen hat

          Hätte er doch wenigstens auf den Vorspann verzichtet, in dem Werthers vermummter "Kumpel" dem Zuschauer erzählt, was auf ihn zukommt. Zwei Sätze, und man weiß, dass mit diesem krampfhaft proletig-berlinischen Lost-Generation-Tonfall der hunderttausendste Versuch beginnt, eine zeitlos gültige Tragödie zu "aktualisieren", weil sie sonst angeblich niemandem mehr etwas sagt. Informiert, dass Werther "der geilste Sack in ganz Berlin" ist, sieht man gleich darauf die erwarteten, ewig gleichen Bilder - Großstadtnacht, Neongeflimmer, rasender Verkehr, wummernde Discos und wabernde Eckkneipen, später konterkariert mit romantischen Sonnenuntergängen, Seelandschaften und einsamen, hallenden Schneebildern, alles wirbelnd um dekorativ verhärmte, attraktiv kalte, geschminkte Gesichter, scheintot und scheinlebendig.

          Doch auch die gute Leistung von Hannah Herzsprung und Stefan Konarske als Lotte und Werther kann die Arte-Verfilmung nicht retten

          Unentwegt, wie es der Prolog verheißen hat, wird auf unsere verrottete und vereiste Welt verwiesen - und so versäumt man unter den optischen und verbalen, bis zum Überdruss bekannten Handkantenschlägen die wenigen ergreifenden Momente, in denen das brillante Spiel der beiden Hauptdarsteller (und auch das der gleichwertigen Nebenfiguren) dieses trendige, zeitlupenhafte Getöse überstrahlt.

          Rapperjargon und plumpe Transfers

          Werthers aberwitziges "Her mit dem schönen Leben", einen Sekundenbruchteil bevor er sich erschießt, ist ein solcher Moment, in dem Stefan Konarske einem den Atem raubt. Doch wer hält es aus bis dahin? Wer erträgt die gestelzten Dialoge, deren Fäkaliensprache unfreiwillig zu erkennen gibt, dass sie dieselben Plattitüden plappert, die Seifenopern täglich in gestelztem Umgangshochdeutsch verbreiten? "Scheiß uff die Liebe": Man setze statt des uff ein auf - und der erregte Rat von Werthers Tom wird zur Aufforderung eines der schwadronierenden Schönlinge im täglichen "Marienhof" der ARD.

          Aus dem Off liest Stefan Konarske Originalsätze Goethes: "Wir sehen glückliche Menschen, die nicht wir glücklich machen - und das ist unerträglich!" Was braucht es angesichts dieser Erkenntnis von der unerbittlichen Ichbezogenheit, zu der wir - und selbst Liebende oder auch gerade sie - fähig sein können, noch Rapperjargon und plumpe Transfers in vermeintlich zeitgemäße Milieus? Dass Uwe Janson Goethes Roman gelesen hat, wird niemand bezweifeln. Fragt sich nur, was er darin erkannte.

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