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W-Lan in Kirchen : Gott geht offline

Im Anfang war das Wort, am Ende ist das W-Lan? Dass der digitale Hotspot zur Unterbrechung der Kommunikation mit dem Allerhöchsten führt, haben die Initiatoren von „Godspot“ womöglich noch nicht erkannt. Bild: dpa

„Godspot“ nennt die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz das Projekt: Sie rüstet alle Kirchen mit W-Lan aus. Ob da der göttliche Funke überspringt?

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          Katholiken brauchen – eigentlich – kein W-Lan. Schon gar nicht an Fronleichnam. Schließlich geht es an diesem Feiertag um die leibliche Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie. Mit der Wandlung und dem Verständnis, hier gehe es tatsächlich um Leib und Blut Christi, haben die Protestanten bekanntlich seit jeher ihre Probleme, Martin Luther erschien der Feiertag, der nur in der Hälfte der Republik einer ist, als der „allerschändlichste“ überhaupt. Dafür wiederum, dachten wir, hat die Reformation das Vertrauen in Gottes Wort und den direkten Draht eines jeden Gläubigen ohne Umweg über den Klerus zum Herrn gefestigt.

          Die Pfarrer sind als Relaisstation zwar brauchbar, der geistliche Funke springt aber auch ohne sie über, und liturgische Geländespiele, wie sie bei den Katholiken die Wandlung begleiten, lenken nur ab. Umso verwunderlicher ist, dass die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz nun ihre rund dreitausend Kirchen mit offenem W-Lan ausrüstet und denkt, sie gebe das richtige Funksignal - die Gläubigen verlangten danach. Geht es heute nicht immer und überall um ausreichenden Empfang?

          Der Mann hat gut reden

          Die Hölle stellt sich der Mensch im digitalen Zeitalter, unabhängig von seiner Glaubensrichtung, als Ort ohne Mobilnetz vor. Kein Roaming, nirgends. Was andererseits eine himmlische Vorstellung ist. Aber was lenkt, hier auf Erden, schon mehr ab vom Eigentlichen des Gottesdienstes als der Blick aufs Smartphone? „Godspot“ nennt die Landeskirche ihr Projekt und meint, das passe doch gut zum „Gotteshaus“. Dabei dürfte der springende Punkt doch gerade sein, dass der digitale Hotspot zur Unterbrechung der Kommunikation mit dem Allerhöchsten führt: Am „Godspot“ ist Gott offline und hat der Heilige Geist Sendepause.

          Die Pfarrerinnen und Pfarrer verfügen dann jedoch wenigstens über einen genauen Seismographen, der ihnen die Überzeugungskraft ihrer Predigten anzeigt: Gehen die Köpfe der Kirchgänger nach unten, sind sie nicht weggenickt, sondern haben weggeklickt. Dann, sagt der W-Lan-Initiator der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, im Gespräch mit „Spiegel Online“, habe die Kirche aber kein „Godspot“-, sondern ein Predigtproblem. Der Mann hat gut reden, schließlich ist er kein Theologe, sondern IT-Fachmann. Kein Wunder, dass er das digitale Ablenkungspotential unterschätzt. Das dürfte schon bei mäßigem W-Lan-Empfang groß genug sein. Man muss es nicht noch verstärken. Es sei denn, die Kirche schaltet das Netz während des Gottesdienstes ab oder - nur eine Frequenz zur Direktübertragung frei. Soll es nicht heißen, im Anfang war das Wort, am Ende ist das W-Lan.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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