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„Gladbeck“ in der ARD : Wir schalten live zur Geiselnahme!

Wir befinden uns, auch das zeigt der Film, in einer Zeit, in der Polizisten noch ohne kugelsichere Westen herumliefen, in der nicht allerorten Überwachungskameras hingen, es keine Handys gab und keine Navis, in der Funkverbindungen zusammenbrachen oder Festnetztelefonate geführt wurden, Verfolgung nur gelingen konnte, wenn man Flüchtigen ein verwanztes Auto unterschob, und Beschatten aus der Nähe hieß, dass sich ein Ermittler in Zivil hinter Pfeilern im Parkhaus versteckt und über Mauern späht. Aber das erklärt nicht das Versagen der Polizei, deren Dilettantismus oft atemberaubend ist. Sie versagt, weil keine der Führungspersonen die Verantwortung übernehmen will.

Hans Meiser: „Man kann sie einfach anrufen.“

„Wildwestmethoden!“, schreit Ulrich Noethen als zaudernder Einsatzleiter und erstickt das Plädoyer eines seiner Untergebenen für den Zugriff. Da sind die Bankräuber schon zu Geiselnehmern geworden, die auf ihr Fluchtauto warten. Null Risiko sei die Vorgabe, sagt der Einsatzleiter und bittet Journalisten, keine Ermittlungsstände publik zu machen. Da hat eine der Geiseln längst bei der Presse angerufen, weil die Gangster, von denen man inzwischen weiß, dass Rösner (Sascha Alexander Geršak) ein flüchtiger Häftling ist und Degowski (Alexander Scheer) ein Ex-Häftling mit angeblich sehr niedrigem IQ, Journalisten zu ihrem Sprachrohr machen wollen. Hans Meiser von RTL wählt die Nummer der Bank: „Man kann sie einfach anrufen.“

Von da an pendelt „Gladbeck“ als Thriller zwischen zwei Extremen: der vermeintlichen Kumpelhaftigkeit der Kriminellen und ihrer Gewaltbereitschaft. Gellende Angstschreie zerreißen die angespannte Stille. Mit jeder Minute, die verstreicht – Geršak und Scheer spielen mit großer Dringlichkeit –, gleichen die mit Alkohol und Drogen vollgepumpten Täter tickenden Zeitbomben kurz vor der Explosion. Die Presse, die sich den Kriminellen scheinbar gefahrlos nähern kann, wittert die Story des Jahrzehnts.

Schon der Abzug aus der Bank geschieht unter Blitzlichtgewitter. Es folgt eine Irrfahrt: die Freundin (Marie Rosa Tietjen) abholen, Pause in einer Raststätte, Shoppen in Bremen. Wieder und wieder hätte die Polizei zugreifen können, doch die Leitung winkt ab: zu riskant. Die Bremer Kripo, deren Leiter (Martin Wuttke) Unvermögen verwaltet, duckt sich weg. Als das kriminelle Trio anrufen lässt, will keiner abheben. Eine Verhandlungsgruppe existiert nicht.

In dieses Chaos hinein webt Riedhof kurze Einblicke in den Alltag der späteren Geiseln, die sterben werden. Wir lernen die Großeltern, den Freund und die Freundin von Silke Bischoff (Zsá Zsá Inci Bürkle) kennen und die Familie von Emanuele De Giorgi (Riccardo Campione). Wir sehen, wie es diese Menschen zerreißt, als sie erfahren, was vor aller Augen geschieht. Riedhof montiert Bilder in der Fernsehoptik der Achtziger in den Erzählstrom, als die Kriminellen einen Linienbus kapern und Pressekonferenz halten. Die „Tagesschau“ ist auch dabei. Er verfolgt in Zeitlupe, wie einer, der sich zum Vermittler aufschwingende Fotograf Peter Meyer (Albrecht A. Schuch) für einen Moment vielleicht zur Besinnung kommt – als der Junge angeschossen daliegt. Die Kamera (Armin Franzen) nimmt Udo Röbel (Arnd Klawitter) vom „Kölner Express“ genau in den Blick, der zum Pressepulk rund um das Fluchtauto in der Kölner Innenstadt stößt und in den Wagen der Geiselnehmer steigt. Kein Durchkommen für die Polizei. Man weiß, dass damals auch Frank Plasberg dabei war, er hat selbst darüber gesprochen. Aber das Radiointerview, das er mit Degowski und Rösner führte, existiert nicht mehr, und damit jeder Beweis dafür, dass er vor Ort war. Und so taucht er im Film nicht auf.

Riedhof geht es mit seinem hervorragend besetzen Ensemblefilm ohnehin nicht um einzelne Schuldige, sondern das Ganze. Irgendwo zwischen Innen und Außen, zeigt er, ist schon damals, als Live-Berichterstattung von der Straße als der heißeste Scheiß der Medienbranche galt, etwas verloren gegangen. Die Distanz. Die Verantwortung. Das Bewusstsein dafür, was echt ist und was Show. Der deutsche Staat hat sich nie bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt. Die Überlebenden wurden allein gelassen. Der Bremer Innensenator trat zurück, am Pressekodex wurde ein bisschen geschraubt. Rösner und Degowski wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Degowski, der den jungen Emanuele De Giorgi erschoss, ist vor ein paar Tagen aus der Haft entlassen worden.

Man habe aus Gladbeck gelernt, hieß es immer wieder. Haben wir? Was wäre, wenn heute Ähnliches geschähe? Abertausende Handys würden gehoben, um Fotos zu schießen, die digitalen Kanäle würden glühen.

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