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Videospiel „Ghostwire: Tokyo“ : Von allen guten Geistern verlassen

Ghostwire Tokyo: Akito (vorne) und Hannya (hinten) Bild: Bethesda

Japans Hauptstadt als Open-World erleben, mysteriöse Rätsel aufklären und eine phantastische Grafik: Was kann da noch schiefgehen? Eine ganze Menge.

          3 Min.

          Akito ist noch nicht ganz wieder bei Sinnen. Gerade hat er einen Verkehrsunfall nur knapp überlebt, da wird er überfallen. Etwas strömt in ihn und nimmt einen Teil von ihm in Besitz. „Hör zu, das ist mein Körper, und über den bestimme ich!“, sagt Akito protestierend – nicht ahnend, wie sehr er seinen neuen Begleiter noch zu schätzen wissen wird. Denn auf Tokios einst belebter Shibuya-Kreuzung – dem Symbolbild für urbane Menschenmassen – verschwinden plötzlich Tausende, übrig bleiben nur ihre Kleider. Ein mysteriöser Nebel hat sie verschlungen. Dahinter steckt Hannya, eine Figur, die eine Maske mit zwei Hörnern trägt. Auch Akito umgibt kurz darauf der Nebel, doch ihm geschieht nichts. Dafür sorgt die zweite Hauptfigur „KK“, der Geist eines Mannes, der sich Akitos Körper für seine Rachepläne an Hannya zu nutzen macht. Auch Akito muss sich dem Bösewicht stellen, denn der hat seine Schwester Mari, die zuletzt noch im Krankenhaus lag, entführt.

          Philipp Johannßen
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          In „Ghostwire: Tokyo“ dreht sich alles um Flüche, Fabelwesen und unfreundliche Besucher aus dem Jenseits. Shinji Mikami, der Macher der Evil-Within-Reihe, und Tango Gameworks bedienen sich hierfür freihändig am reichhaltigen Fundus der japanischen Mythologie. Die vielen Informationen und Eindrücke wirken anfangs so überwältigend und gleichzeitig vergänglich wie das Meer aus Lichtern und Farben der Leuchtreklamen an der Shibuya-Kreuzung. Die anfängliche Angst, der Geschichte mit vielen Charakteren und noch mehr geisterhaften Figuren nicht mehr folgen zu können, verliert sich, sobald man die Einträge in der spieleigenen Datenbank entdeckt. Dennoch setzt das Spiel eine gewisse Affinität zur und ein Wissen über japanische Kultur voraus. Wer daran kein Interesse hat, dem geht ein entscheidender Teil dieses Spielspaßes verloren.

          Akito merkt schnell, dass er nicht allein ist auf den menschenleeren Straßen. Ihm begegnen diverse Besucher aus einer andere Welt: gesichtslose Anzugträger mit Regenschirmen, kopflose Schulmädchen und andere „Yokai“, wie diese Wesen heißen, die es alle nicht gut mit dem jungen Studenten meinen. Dank KK ist Akito den dunklen Mächten aber nicht schutzlos ausgeliefert. Er kann über die elementaren Kräfte von Wind, Wasser und Feuer verfügen, mit denen man den Dämonen zu Leibe rücken kann.

          Das Kampfsystem in „Ghostwire: Tokyo“ ist einfach gestrickt, aber nicht besonders originell: Es gibt eine schnelle und eine starke Attacke, Pfeil und Bogen für leise Angriffe aus der Entfernung und eine Art Schutzschild zum Abwehren der gegnerischen Angriffe. Ausweichen kann Akito nur schwer, eine solche Funktion gibt es nicht. Und so laufen die Kämpfe oft nach dem gleichen Muster ab, egal wie stark die Gegner sind. Nach der anfänglichen Begeisterung über die gelungenen Effekte der Angriffe nutzt sich der Spaß an der Konfrontation schnell ab und wird zum notwendigen Übel.

          Im Kampf: Akito saugt den freigelegten Kern der Gegner aus. Bilderstrecke
          Videospiel : „Ghostwire: Tokyo“ im Test

          Aber was ist überhaupt in Tokio zu tun? In der Millionenmetropole verstecken sich Dutzende Schreine, auf die es die Besucher aus dem Jenseits besonders abgesehen haben. Akito muss sie von Dämonen befreien und deren Torbögen, Torii, anschließend reinigen, damit sich der Nebel des Grauens Stück für Stück zurückzieht und weitere Gebiete erschlossen werden. Etwa dreißig Mal muss das gemacht werden.

          Dabei laden zumindest die wunderschön animierten Straßenzüge beinahe zum Stadtbummel ein. Die Leveldesigner spielen eindrucksvoll mit den Gegensätzen hochmoderner und alter Gebäude. Doch nach kurzer Zeit fällt auf, dass die vermeintlich offene Spielwelt nicht zugänglich ist wie gedacht. Zum einen lassen sich nur vereinzelt Gebäude betreten, zum anderen wird der Spieler durch den Nebel künstlich begrenzt. Das Potential, dass der Schauplatz Tokio zu bieten hätte, wird kaum genutzt.

          In anderen Punkten überzeugt Ghostwire: Tokyo jedoch. Die bereits angesprochene Grafik lässt wenig Wünsche offen und bei der Playstation-5-Version kommt noch ein sensorisches Erlebnis hinzu: Das Vibrations-Feedback des Controllers wird virtuos genutzt. Ein ganz leichtes Zucken, wenn es mal wieder über Tokio regnet, bis zu heftigen Erschütterungen in den Händen während der Kämpfe. Das sorgt für Immersion und gibt dem Spiel eine weitere Ebene.

          Etwa 12 bis fünfzehn Stunden Spielzeit bietet die Hauptgeschichte, es gibt zudem noch weitere zeitfressende Aufgaben und Nebenmissionen, die tiefere Einblicke in die japanische Mythologie bieten. Spieltechnisch bleibt Ghostwire: Tokyo aber repetitiv und schafft es über die insgesamt sechs Kapitel nicht, den Spannungsbogen und die Motivation des Spielers hoch zu halten.

          Ghostwire: Tokyo ist ab 16 Jahren freigegeben, für PC und Playstation 5 erhältlich und kostet etwa 60 Euro.

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