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BBC in Coronazeiten : Gewinner der Krise

  • -Aktualisiert am

Vicki Young, die politische Chefkorrespondentin von BBC News, Anfang Mai vor der Downing Street 10 Bild: AFP

Anfang des Jahres sah es schlecht aus für die BBC. Downing Street ging offen in die Konfrontation, die Abschaffung der Rundfunkgebühr stand im Raum. Nun wendet sich in der Krise das Blatt.

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          Der in Würdigungen von Veteranen gängige Begriff, „er hatte einen guten Krieg“, wird im britischen Sprachgebrauch oft als Metapher benutzt, die besagt, dass jemand durch seinen Einsatz unter widrigen Umstände an Ansehen gewonnen hat. In diesem Sinne scheint sich die BBC in der mit Kriegsmetaphern gekennzeichneten Corona-Krise gut zu schlagen. Anfang des Jahres sah es schlecht aus für den Sender. Downing Street ging auf offenen Konfrontationskurs zur BBC, der konservative Politiker schon lange wegen der vermeintlichen links-liberalen Voreingenommenheit ans Zeug wollen. Regierungsmitgliedern wurde verboten, an den Flagschiff-Nachrichtensendungen der BBC teilzunehmen, Boris Johnson münzte das Kürzel für British Broadcasting Corporation in „Brexit Bashing Corporation“ um. Die Abschaffung der Rundfunkgebühr und die Umwandlung in einen Subskriptionsdienst standen im Raum.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Manche glauben, dass die Corona-Krise der BBC aus der Patsche geholfen habe. Am Wochenende sagte der scheidende Generaldirektor Tony Hall, die Krise habe den Bedarf nach einem universalen Rundfunkdienst manifestiert, der die Allgemeinheit informiere, bilde und unterhalte. Damit berief sich Hall auf die Gründungsmission des Senders, der 2022 sein hundertjähriges Bestehen feiert. Der BBC komme eine besondere Rolle zu in dieser Stunde der nationalen Not, deswegen setze die Anstalt alles daran, diese Rolle zu erfüllen, sagte Lord Hall zu Beginn. Zusätzlich zum verstärkten Nachrichten- und Unterhaltungsangebot hat die BBC ihre Inhalte auf die Situation abgestellt. Mit Fitnessstunden für Ältere, Corona-Podcasts und virtuellen Gottesdiensten, Kochanleitungen auf der Website BBC Food, Lernstoffen zur Unterstützung des Hausunterrichts und einer Serie über Kultur in der Quarantäne will der Sender punkten. Unter dem Schlagwort „Make a Difference“ arbeiten die vierzig lokalen Hörfunksender mit Hilfsorganisationen zusammen.

          Verstärktes lokales Angebot

          Zwar trieb eine als voreingenommen empfundene „Panorama“-Sendung über die mangelhafte Versorgung mit Schutzausrüstung Kritiker Anfang Mai auf die Barrikaden und bescherte der BBC eine förmliche Beschwerde der Regierung. Doch erkennt die Regierung, dass sie die BBC nicht umgehen kann. Downing Street hat den Boykott der Flagschiff-Nachrichtensendung gelockert, und es fällt auf, dass BBC-Korrespondenten bei der täglichen Pressekonferenz im Amtssitz des Premierministers bevorzugt werden.

          Bei der BBC weiß man, dass sich die Milde den außerordentlichen Umständen verdankt. Diese haben den Sender auch veranlasst, ein Sparprogramm, das 450 Stellenkürzungen und eine Reduzierung der Ausgaben um vierzig Millionen Pfund vorsieht, auf Eis zu legen. Auch der umstrittene Entzug der Beitragsbefreiung der über 75 Jahre alten Briten, der im Juni in Kraft treten sollte, ist wegen der Krise auf Anfang August verschoben worden. Tony Hall deutete an, eine weitere Verschiebung sei nicht auszuschließen. Die BBC schätzt, dass sie durch die Corona-Krise zusätzliche 125 Millionen Pfund eingebüßt hat durch geringere Werbeeinnahmen und weil zahlreiche Briten ihre Inhalte lieber online beziehen, als die Rundfunkgebühr zu entrichten.

          Deswegen liegt ein Schwerpunkt der im Jahresplan genannten Ziele darin, jüngere Nutzer zwischen sechzehn und 34 Jahren für sich zu gewinnen. Vor vier Jahren hat die BBC den Jugendfernsehsender BBC 3 in einen Online-Kanal umgewandelt. Jetzt heißt es, das sei derart dank Serien wie der Verfilmung des Bestsellers „Normal People“ der irischen Schriftstellerin Sally Rooney so erfolgreich, dass man erwäge, den Kanal als linearen Sender wiederherzustellen. Der Etat soll auf rund 80 Millionen Pfund verdoppelt werden. Dafür wird der Kulturkanal BBC 4 beschnitten, dessen Zuschauer im Schnitt 62 Jahre alt sind.

          Es war befürchtet worden, dass er ganz verschwinde. Stattdessen will die BBC das Programm vornehmlich mit Archivmaterial bestücken und im Ausland Gebühren dafür erheben. Neue Kulturbeiträge sollen bei BBC 2 laufen. Der Sender scheint sich die Kritik der Regierung an der „engen großstädtischen Sichtweise“ zu Herzen zu nehmen. Er gesteht ein, die den Brexit befürwortende Bevölkerung im weniger betuchten Norden vernachlässigt zu haben und will mit einem verstärkten lokalen Angebot Ausgleich schaffen. Am Wochenende sagte Lord Hall, der demnächst den Vorsitz des Kuratoriums der National Gallery übernimmt, man werde eine große Debatte über die künftige Finanzierung führen, im Vorlauf zu der 2027 fälligen Erneuerung der dem Rundfunkvertrag entsprechenden „Charter“ der BBC. Er wollte eine progressive Abgabe nicht ausschließen. Sein Nachfolger, der in den nächsten Wochen bestimmt wird, dürfte hoffen, dass „der gute Krieg“ der Anstalt einen besseren Stand gibt.

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