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Gewaltprävention per Software : Verbrechen von morgen

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Die alte Form der Prävention: Londoner Polizisten zeigen sich auf der Downing Street präsent. Bild: Reuters

Vorsicht ist besser als Nachsicht: Die Londoner Polizei will Verbrechen durch Gangs im Vorhinein verhindern. Sie verwendet eine Software, um die Wahrscheinlichkeit von Gewalttaten vorherzusagen.

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          Wann und wo wird der Täter wieder zuschlagen? Welchen Mustern folgen seine Taten, und welche Voraussagen lassen sich aus ihnen ableiten? In klassischen Kriminalfilmen grübeln Polizisten vor mit Fähnchen gespickten Stadtplänen über solche Zukunftsfragen; in Steven Spielbergs Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ jagt die Sondereinheit „Precrime“ zukünftige Mörder – und in der Realität greifen Ermittler zunehmend auf Algorithmen zurück, um Straftaten vorherzusagen, die noch gar nicht geschehen sind.

          In London hat die Metropolitan Police gerade einen zwanzigwöchigen Testlauf in Sachen computergestützter Verbrechensvorsorge beendet; es war der erste seiner Art in Großbritannien. Zum Einsatz kam eine Software, die vor allem dabei helfen soll, Aktivitäten krimineller Banden besser vorherzusehen. Das Programm der Firma Accenture wertete nicht nur polizeiliche Datenbanken aus, die Aufschluss über bis zu fünf Jahre zurückliegende Verbrechen geben, sondern auch die Aktivitäten in sozialen Netzwerken. Auf Grundlage dieser Informationen entstehen Risikoprofile, aus denen sich ablesen lässt, wann und wo etwas passieren könnte. Dabei macht sich der Algorithmus gewissermaßen die Perspektive des potentiellen Täters zu eigen, der abschätzt, zu welcher Zeit und an welchem Ort eine Straftat zu begehen am wenigsten riskant wäre – und kehrt sie um.

          Die Herstellerfirma sieht in ihrer Software ein Werkzeug, mit dem sich begrenzte Polizei-Ressourcen effektiv auf risikoträchtige Zielpersonen richten ließen. Ein Sprecher der Londoner Polizei schränkte ein, man habe sie nicht eingesetzt, um Einzelpersonen zu identifizieren, sondern Untergruppen krimineller Banden. Er bezeichnete das Experiment als Erfolg. Die Kriterien, nach denen die Software arbeitet, blieben jedoch unter Verschluss. Die britische Datenschutz-Initiative Big Brother Watch fordert unterdessen die Veröffentlichung der Prinzipien, nach denen die Software arbeitet. Andere Datenschutz-Organisationen warnen davor, Programme dieser Art als Ersatz für herkömmliche Polizeiarbeit zu betrachten und wahllos Daten im Namen der Verbrechensbekämpfung zu sammeln. Derweil setzt die Polizei in Kalifornien schon seit drei Jahren auf „Predictive Policing“, und die Münchener Polizei testet seit Anfang Oktober ein Programm, das voraussagt, wo Einbrecher wohl zuschlagen wollen.

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