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Gewalt gegen Frauen im Fernsehen : Ein klarer Fall von Chauvinismus

Im Bremer Tatort „Brüder“ bedroht der Anführer eines kriminellen Clans (Hassan Nidal) auch seine Ehefrau (Christine Heim) Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg

In deutschen Fernsehkrimis werden immer öfter Frauen geschlagen, brutal und ohne Grund. Mit der Gewalt, der sie in der Wirklichkeit ausgesetzt sind, hat das jedoch nur wenig zu tun.

          Nach seinen ersten Schlägen fällt sie einfach in sich zusammen, stürzt zuerst auf die Knie, dann ganz zu Boden. Und während sie liegend leise keucht, fängt er an ihre Rippen einzutreten. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          „So gefällst du mir“, sagt er und zieht die Frau mit dem blutfeuchten Gesicht an ihren Haaren hoch. Er richtet sie auf, um sie wieder zu Boden zu prügeln, stellt einen Fuß auf ihr Gesicht und tritt, wie auf einen Pappkarton, der unbedingt zerstampft werden muss, erneut in den zuckenden Körper. Das war in Wien.

          Nicht brutal genug? Dann vielleicht folgende Szene aus Bremen: Die Polizistin hat Angst, panisch versucht sie Hilfe zu rufen. Doch er ist schon da, zertrümmert das Fenster ihres Autos. Sie will aussteigen und weglaufen. Zu spät. Er steht direkt vor ihr und schmettert ihren Kopf gegen die Autotür. Sie fällt. Dann hört man nur noch stumpfe und gnadenlose Tritte. „Bullenfotze“, brüllt er immer wieder wie betrunken von seiner Macht über die Frau. Ihre Schreie werden vom Schmerz erstickt, sie kann nur noch winseln. Bald wird sie sterben.

          Immer noch nicht genug? Okay, dann geht es eben weiter in Hamburg: Im Morgenmantel öffnet eine Staatsanwältin die Tür. Ein gutaussehender Typ im Anzug. Er lächelt und greift sofort an, schlägt sie mit der Faust ins Gesicht. Durch den Türspalt sieht man, was dann in der Wohnung passiert, hört Schläge und Schreie. Die Frau mit ihrem zertrümmerten Gesicht sehen wir wieder. In einem Krankenhaus. Sie hat überlebt.

          Warum zeigt das Fernsehen soviel Gewalt gegen Frauen?

          Für diese Szenen haben Sie bezahlt - mit Ihren Rundfunkgebühren. Denn die verprügelten Frauen sind „Tatort“-Schauspielerinnen und ihre Peiniger beitragsfinanzierte Verbrecherdarsteller. Doch um irgendwelche monatlichen Gebühren soll es hier gar nicht gehen. Auch ist das keine Geschichte über das bescheuerte, böse und brutale Fernsehen.

          Es geht um die irre Misogynie im deutschen TV. Hat man die eine Frau mit dem zerstörten Gesicht fast schon vergessen, verprügelt ein paar Tage später ein anderer Mann eine andere Frau in einem anderen Krimi. Dann auch mal nicht nur mit den bloßen Händen, sondern mit einem Fleischhammer (Langeoog). Und hat man auch den Kerl mit dem Fleischhammer vergessen, wird irgendwo anders wieder zugeschlagen.

          Das neue Lieblingsrezept deutscher Krimiautoren? Auch im NDR-Tatort „Mord auf Langeroog“ darf Gewalt gegen Frauen nicht fehlen

          Es ist eine Endlosschleife im deutschen Fernsehen: Kaum ist die eine misshandelte Frau abgestrahlt, wird die nächste misshandelte Frau ausgestrahlt. Egal, ob im „Tatort“, „Spreewaldkrimi“ oder im „Polizeiruf 110“. Nach dem Frauenschlagen kommen die Fernsehschläger natürlich in einen Fernsehknast, kriegen eine Fernsehkugel ins Herz oder sterben an irgendeinem anderen spektakulären Fernsehtod. So bleibt alles fair und gerecht, könnte man meinen und abends seinen Kasten und seinen Kopf einfach abstellen.

          Schaltet man den Fernseher dann wieder ein, sieht erneut, wie Frau vom Mann verprügelt wird, muss man sich doch ganz fest an den Kopf fassen und fragen: Warum werden Frauen so oft im Fernsehen vermöbelt? Es müsse eben so drastisch sein, es ist eben ein Krimi, so könnten ein paar Entwicklungsverzögerer wohl argumentieren. Krimis gibt es jedoch sehr lange, schon immer waren sie ultrabrutal und haben unendlich viele Zuschauer mit ihren blutigen, schrecklichen Fällen gelockt. Die Darstellung harter Gewalt gegen Frauen in dieser Häufigkeit ist allerdings neu. Warum eigentlich zeigt uns das Fernsehen jetzt diese Gewalt so explizit? Der deutsche Krimi - stellt man ihn sich als einen Angeklagten vor - ist möglicherweise ein misogyner Serientäter.

          Serienverbrecher statt realistische Normalos

          Wegen der Unschuldsvermutung muss man sich zunächst alle Entlastungsbeweise anschauen: Natürlich könnte man sagen, die Filme meinen es gut, wollen Gewalt thematisieren, indem sie Gewalt zeigen. Vielleicht soll man die Rohheit einfach als Aufklärungsversuche verstehen. Die Rollen der Täterschauspieler sprechen jedoch dagegen. Denn es sind fast immer nur superböse Verbrecher (Drogendealer, Mafiabosse, Serienmörder), die Frauen verprügeln. Die blöde Krimi-Logik will damit sagen, dass Frauenschläger schwerstkriminelle Außenseiter sind.

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