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Serie „Get Shorty“ : Gibt es in Hollywood nur noch Gangster?

  • -Aktualisiert am

Sie wollen Filme machen: Ray Romano (links) und Chris O’Dowd machen in „Get Shorty“ gemeinsame Sache. Bild: EPIX

Die Serie „Get Shorty“ nach dem Krimiklassiker von Elmore Leonard ist ein Hit. Sie handelt von zwei schrägen Typen, die ins Filmgeschäft wollen. Da landen sie auch. Aber wie!

          Manchmal wirken zeitgenössische Versuche, großes Fernsehen zu machen, angestrengt: Man möchte unbedingt das düster-coole Flair einfangen, das die Serie „Breaking Bad“ kennzeichnete, das Stilbewusstsein von „Mad Men“ kopieren oder den Horror von „Hannibal“ duplizieren. Das geht meist dramatisch schief. Aber hin und wieder kommt eine Serie, die durch entspannte Könnerschaft besticht. Die Adaption des Cohen-Brüder-Kultfilms „Fargo“ war, zumindest in ihren beiden ersten Staffeln, eine solche. Und mit „Get Shorty“ gibt es nun eine weitere Serienfassung nach einem berühmten Kriminalroman und Kinoklassiker, die richtig Spaß macht.

          Davey Holmes, der schon „Shameless“ produzierte, adaptierte „Get Shorty“ sehr frei nach dem gleichnamigen Roman von Elmore Leonard, der 1990 erschien und schon einmal verfilmt wurde. Im gleichnamigen Kinostück von 1995 (deutsch „Schnappt Shorty“) spielte John Travolta den Kredithai und Filmfan Chili Palmer, der beim Eintreiben ausstehender Schulden bei einem drittklassigen Horrorfilmproduzenten (Gene Hackman) beginnt, mit einer Filmkarriere zu liebäugeln.

          Holmes’ „Get Shorty“ ist mehr „Breaking Bad“ als „Miami Vice“ und hat einen verkrachten Handlanger irischer Herkunft zum Helden: Miles Daly (Chris O’Dowd) macht die Drecksarbeit für Amara (Lidia Porto als klunkerbehängte Patin), die in Pahrump, Nevada ein abgewracktes Casino betreibt. Miles ist eigentlich ein netter Kerl, aber er tut auch, was zu tun ist – in diesem Fall: zahlungsunwillige Schuldner von Amara liquidieren und die Leichen verschwinden lassen.

          Auf dem Schrottplatz: Miles Daly (Chris O´ Dowd) und Louis (Sean Bridgers) scheinen für Hollywood nicht gerade prädestiniert.

          Er hadert mit seiner Existenz, wie er seinem Partner Louis (Sean Bridgers) gesteht. „Rachael Ray sagt, um eine gesunde Beziehung zu führen, muss man an der Kommunikation arbeiten, sich selbst lieben und Verantwortung übernehmen“, zitiert er Talkmaster-Lebensweisheiten. Miles macht es zu schaffen, dass die Ehe mit seiner Frau Katie (Lucy Walters) auf Eis liegt. Sie hat sich vor lauter Entsetzen über seinen Mafia-Job eine Auszeit genommen. Miles will Katie auch seiner zwölfjährigen Tochter Emma (Carolyn Dodd) zuliebe zurückgewinnen. Also nimmt er eine neue Karriere in den Blick. Als einer von Amaras Schuldnern zu Tode kommt und ein fertiges Drehbuch hinterlässt, scheint sich das für Miles als Einstieg zu einer Laufbahn als Filmproduzent geradezu anzubieten.

          Holmes gelingt mit seiner „Get Shorty“-Serie, was Noah Hawley mit „Fargo“ bewerkstelligte. Er erfasst den Charme der Geschichte und erweckt sie unter leicht veränderten Vorzeichen abermals zum Leben. Genau das hat auch Miles mit seinem ersten Film vor, den er von „Taxi Driver“ und dem „Paten“ inspiriert sieht. Allein: In Hollywood geht es nicht minder korrupt zu als in Pahrump, Nevada. Miles und Louis (er gibt sich als Autor des Skripts aus) geraten an den abgewrackten Horrorfilmproduzenten Rick Moreweather (Ray Romano), der billige Kreischfilme dreht, seit sein ambitioniertestes Projekt von der Kritik vernichtet wurde. Miles lässt sich weder von dem miserablen Skript noch von Moreweathers Erscheinung und schon gar nicht vom Neid von Amaras Neffen Yago (Goya Robles) beirren, der das Geld, das seine Tante in Miles’ Projekt steckt, lieber in seinen Nachtclub investiert sähe.

          Dass Holmes seine Version von „Get Shorty“ im Kern als Liebesgeschichte anlegt, deren Held ein unerschütterlicher Optimist ist, der jedem Scheitern mit schwarzem Humor begegnet, verleiht der Serie eine warmherzige Prägung. Dieser Miles Daly ist eine Don-Quichotte-Figur. Noch ein Merkmal großen Fernsehens: „Get Shorty“ ist bis in die Nebenrollen großartige besetzt. Goya Robles spielt den geltungssüchtigen Yago mit einer Mischung aus jugendlicher Selbstüberschätzung und Gefährlichkeit. Sean Bridgers verleiht dem etwas unterbelichteten Louis, der sich wortlos mit Miles versteht, eine robuste Würde. Megan Stevenson brilliert als Studio-Karrieristin April Quinn, die mit Miles bald in einer komplizierten Verbindung steht, inmitten eines Ensembles schräger Figuren, die sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen versuchen. Dass das Ganze auch noch hinreißend gefilmt ist und für Fans zahlreiche filmische Querverweise enthält – unter anderem auf „Breaking Bad“ –, macht diese Serie zu einem Vergnügen, das trotz des zurzeit fast übergroßen Angebots nicht selbstverständlich ist.

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