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Gespräch mit Rana Sabbagh : Ich bin keine Frau, ich bin kein Mann, ich bin Journalistin

„Manchmal denke ich, dass wir in einem einzigen Freiluftgefängnis leben. Die Menschen essen, schlafen, sie denken nicht“, sagt Rana Sabbagh. Bild: Jana Mai

Investigativer Journalismus ist gefährlich. In der arabischen Welt, unter autokratischen Regimen, umso mehr. Für eine Reporterin bedarf es besonderen Mutes. Für den ihren erhält Rana Sabbagh den Raif Badawi Award. Ein Interview.

          Sie leiten die Organisation „Arab Reporters for Investigative Journalism“, kurz Arij, in Amman, was machen Sie dort?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir trainieren Journalisten, die sich dafür entschieden haben, es in der arabischen Welt mit investigativem Journalismus zu probieren. Wir haben jüngst, gefördert durch Unicef, eine Art Handbuch für investigativen Journalismus herausgegeben, übersetzt in vierzehn Sprachen. Darin wird erklärt, was investigativer Journalismus ist. Wie man eine Geschichte findet, wie man eine Arbeitshypothese konstruiert und wie man mit Quellen umgeht. Zu uns kommen viele junge Journalisten. Manchmal sind es Freie, manchmal werden sie von ihren Medienhäusern geschickt. Deren Leiter müssen die Einwilligung geben, dass wir die Journalisten trainieren und fördern, und auch das Geld geben. Ein Coach betreut die Journalisten auf dem gesamten Weg.

          Das Gebiet, in dem Sie mit Arij operieren, ist allerdings nicht ganz ungefährlich für Journalisten.

          Stimmt. Wir versuchen immer das Risiko für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten und geben jedem Lehrjournalisten einen Anwalt an die Hand, der die Geschichte noch einmal prüft. Am Ende bekommen die Medienhäuser eine komplett selbstrecherchierte und wasserdichte Geschichte. Aber in der Realität ist das natürlich wahnsinnig schwer. Es gibt viel Hin und Her.

          Wo hakt es am schlimmsten?

          Das fängt schon mit den jungen Journalisten an. Viele sind Produkte eines gescheiterten Bildungssystems, in dem kritisches Denken unterbunden wird. Sie können nur auswendig Gelerntes aufsagen, sie sind wie Papageien. Es gibt keine Kultur des kritischen Denkens. Die will auch keiner, denn dann müssten auch der König von Jordanien und die anderen arabischen Herrscher zu viele unbequeme Fragen beantworten.

          Man kann sich kaum vorstellen, dass Journalisten im Augenblick, etwa im Jemen, überhaupt arbeiten können.

          Die Sicherheit unserer Journalisten steht vor allem anderen. Wir sagen ihnen: Keine Geschichte ist es wert, sich zu opfern. Weil dann niemand mehr da ist, der diese oder ähnliche Geschichten erzählt. In vielen Situationen haben wir Leute vor Ort, die dem Journalisten auf ein Signal hin zur Hilfe kommen. Das geht leider nicht immer gut. Ein Fotograf ist bei einer Recherche vor einiger Zeit von Mitgliedern der Terrororganisation IS gefoltert und getötet worden. Unter der Folter hatte er preisgegeben, mit welchen beiden Journalisten er zusammenarbeitete. Die beiden haben wir dann möglichst schnell außer Landes gebracht. Das war ein Drama, einer der beiden verlor am selben Tag seine Mutter und seine Tochter bei einem Bombenangriff.

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          Wenn von den Regierungen, Königshäusern und Regimen keine Hilfe zu erwarten ist, wer schützt sie dann?

          Wir arbeiten mit großen Medienhäusern zusammen. Wir entwickeln Ideen und geben sie weiter. Wir machen Recherche vor Ort, und deren Leute übernehmen dann die Konfrontation mit den Beteiligten. Wir arbeiten über Ländergrenzen hinweg. Wir arbeiten mit der „Süddeutschen Zeitung“, Correctiv, der Deutschen Welle, der BBC und der englischen Al Dschazira – nicht der arabischen, das käme nicht in Frage.

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