https://www.faz.net/-gqz-x71h

Gespräch mit dem Verleger Hubert Burda : Wie ARD und ZDF den Wettbewerb verzerren

  • Aktualisiert am

„Es ist wichtig, überhaupt zu versuchen, Grenzen zu formulieren” - Hubert Burda Bild: facesbyfrank

Welche Richtlinien sollen für öffentlich-rechtliche Angebote im Internet gelten? Der Verleger Hubert Burda über Presseimitate, Online-Archive und die Idee, Gebühren nicht mehr Sendern, sondern Sendungen zugute kommen zu lassen.

          5 Min.

          Hubert Burda führt nicht nur seinen Medienkonzern, sondern auch den Verband Deutscher Zeitschriftenverleger. Er formuliert Forderungen an das Angebot von ARD und ZDF im Internet.

          Im Augenblick verhandeln die Bundesländer darüber, wie sich ARD und ZDF im Internet aufstellen dürfen. Kritik an den Sendern üben die Verlage. Warum eigentlich?

          Jahrzehntelang hat es zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und den Verlagen keinerlei Konfrontation gegeben. Im Gegenteil: Es gibt gemeinsame soziale und gesellschaftliche Engagements, denken Sie an „Ein Herz für Kinder“, die „Goldene Kamera“, „Bambi“. Auch die Beziehungen zwischen Verlegern und der jetzigen Generation der Intendanten, unter denen sie hochkarätige Fachleute finden, sind frei von Konflikten. Was die jetzige Debatte ausgelöst hat, ist die Technologie. Durch das Internet ist für Verlage wie für Fernsehsender eine Schnittfläche entstanden, auf der sie sich als Konkurrenten begegnen.

          Wieso fühlen sich die Verlage bei dieser Schnittmenge betroffen? Man könnte doch sagen, die Verlage tun, was sie für gut und richtig halten, und die öffentlich-rechtlichen Sender ebenso.

          Bislang hatten wir - im Rundfunk - ein duales System, das dadurch geprägt ist, dass die einen ihre Mittel selbst erwirtschaften müssen und die anderen Gebühren bekommen, um am Gemeinwohl orientierte Inhalte zu bestreiten. Mit über sieben Milliarden Euro pro Jahr wird die öffentlich-rechtliche Seite alimentiert, hinzu kommen die Werbeerlöse. Im Internet treffen ARD und ZDF auf die vielfältigen Angebote der Verlage, die in immer stärkerem Maße online das Geschäft gestalten müssen, das sie auf Papier betreiben. Unser Verlag investiert seit 1994 in die neuen Medien. Die Verleger haben Portale aufgebaut, weil wir sehen, dass Zeitschriften und Zeitungen im Verkauf und bei der Werbung schwerlich wachsen. ARD und ZDF sind relativ spät auf das Internet gekommen. Und es will ihnen niemand das Recht bestreiten, dort präsent zu sein. Nur nicht mit einem gebührenfinanzierten und damit wettbewerbsverzerrenden Angebot, das dem der Verlage entspricht. Mit dieser Meinung stehen wir als Verleger ja nicht alleine da.

          Auch der BDI hat sich dementsprechend geäußert. ARD und ZDF können online ein sendungsbezogenes Programm auffahren, aber keine Textportale. Das aber haben wir: die „Tagesschau“ als Sendung und als Textversion, die über hundert Seiten umfasst. Das ist elektronische Presse, die Zeitschriften und Zeitungen verdrängt. Das ist nicht mehr Fernsehen, auch nicht Fernsehen oder Rundfunk im Internet, sondern die umgekehrte Herangehensweise: textbasierte Angebote, die nicht nur Nachrichten umfassen, sondern unendliche Datenbänke und jede erdenkliche Art von Service, wie er wiederum das Wesen der Presse ausmacht. Die Printmedien waren die traditionellen Speichermedien, auch mit ihren Archiven, und müssen das vermarkten. Im Internet treten nun die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem milliardengestützten Angebot auf und verzerren den Wettbewerb. Deshalb ist eine unserer zentralen Forderungen, dass die Angebote von ARD und ZDF nur für eine begrenzte Zeit - sieben Tage - verfügbar sind.

          Zu diesem Punkt sagen ARD und ZDF: Damit wird dem Publikum vorenthalten, was es mit Gebühren bezahlt. Oder, polemisch zugespitzt, wie es das Fernsehmagazin „Panorama“ dargestellt hat: Öffentlich-rechtliche Inhalte, ganze Filmarchive, werden gelöscht.

          Das ist, mit Verlaub, reiner Blödsinn. Es wird kein Filmarchiv „gelöscht“. Die Archive sind angelegt fürs Fernsehen, fürs Radio, es kann jederzeit wiederholt werden. Die Stücke bleiben vorhanden und werden nur im Internet für begrenzte Zeit bereitgestellt.

          Über zwei Kriterien wird diskutiert. Das eine sind „sendungsbezogene Inhalte, das andere ist das Verbot einer „elektronischen Presse“. Das klingt nach Hohlformeln, die niemanden binden.

          Es ist wichtig, überhaupt zu versuchen, Grenzen zu formulieren. Sie sehen doch, dass ARD und ZDF permanent neue Felder erobern. Früher hieß es, es gibt keine Werbung nach zwanzig Uhr, heute haben sie Sponsoring, das Werbung gleichkommt, überall im Programm, bis in die Nacht. Früher gab es auch keine Programme wie Telenovelas, Reality-Soaps oder Frauen-Boxen, die die Öffentlich-Rechtlichen heute offenbar zu ihrem Grundauftrag zählen. Dann findet man plötzlich eine riesige, unangemeldete Mediathek. ARD und ZDF gehen immer weiter. Wenn die Angebote im Internet nicht „sendungsbezogen“ sein müssten und das Verbot elektronischer Presse - also von Angeboten, die vom Text, vom Standbild und von der grafischen Darstellung herkommen - nicht festgeschrieben würde, gäbe es für ARD und ZDF gar keine Grenzen. Wir brauchen Richtlinien oder, wie es der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, Bernd Kundrun, genannt hat, Leitplanken. Erinnern Sie sich doch nur an die Diskussion, die ich mit dem damaligen Intendanten des WDR, Fritz Pleitgen, hatte, als deutlich wurde, dass die Sender sogar mit dem Verkauf von Küchenutensilien verbunden sind. Selber kommen die Sender leider nie darauf, dass etwas für sie nicht geht.

          Aber ist es realistisch zu fordern, dass ARD und ZDF für ihre Online-Angebote 0,75 Prozent ihrer Etats aufwenden?

          Überlegen Sie doch bitte, über welche Summen wir sprechen. Das bewegt sich in der Größenordnung von deutlich über fünfzig Millionen Euro, wobei die querfinanzierten Kosten nicht mitgerechnet sind. Gäbe es hier keine Grenzen, könnten sich ARD und ZDF im Nu bei den aufstrebenden Community-Anbietern im Netz bedienen und eine Firma nach der anderen kaufen. Sie könnten dort so auftreten, wie sie es im Sportrechtemarkt tun. Das Phänomen ist doch, dass ARD und ZDF das, was Private - Sender oder Verlage - erfolgreich machen, auch haben wollen und wegkaufen. Ohne Budgetgrenze könnten sie uferlos investieren und würden nicht einmal Probleme bekommen, wenn sie eine halbe Milliarde Euro versenken.

          Nun soll es einen Dreistufentest geben, um öffentlich-rechtliche Inhalte zu prüfen. Bei dem wollen ARD und ZDF unabhängige Dritte als Experten nicht hören, nach dem Motto: So regiert uns die private Konkurrenz ins Programm.

          Der Dreistufen- oder Public-Value-Test muss der angesprochenen Tendenz begegnen: ARD und ZDF halten sich von selbst an keine Vorgaben, sie schaffen Fakten und lassen sich das von den internen Gremien in ihrem selbstreferentiellen, ausgeklügelt abgekapselten System abnicken. Man muss überlegen, was „Public Value“, was dem Gemeinwohl dienend überhaupt ist. Wer eine Programmzeitschrift zur Hand nimmt und sich das durchschnittliche Programm eines Tages ansieht, der kommt bei ARD und ZDF auf einen Public-Value-Anteil mit Information, Kultur, Bildung von vielleicht dreißig Prozent und bei den Privaten auf Anteile zwischen zehn und zwanzig Prozent. Der Rest ist Unterhaltung und entspricht oft dem, was man früher „yellow content“ genannt hat: „Verbotene Liebe“, „Marienhof“, kurz: Soaps, Kochen und Boulevard, auch um die Werbung zu binden, auf die ARD und ZDF nicht verzichten.

          Das hat zu der bekannten Angleichung der öffentlich-rechtlichen und privaten Angebote geführt. In Großbritannien hingegen wird bei der BBC durch den Public-Value-Test die Frage gestellt, worin der Public Value der Programme besteht. Diese Frage müssen wir für das Fernsehen und für das Internet stellen. Ich sehe hier Bereiche wie Integration, Wissen und Bildung. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die EU-Kommission in Brüssel genau beobachtet, was in den Mitgliedsländern unter dem Rubrum „Public Value“ geschieht. Vielleicht führt das sogar an den Punkt, an dem es heißt, dass die Gebühren nicht mehr für Sender, sondern für Sendungen eingezogen werden. Dann hätten ARD und ZDF mit geschätzten siebzig Prozent ihres Programms ein Problem. Was geschieht eigentlich mit den Milliarden von Gebühren?

          Man könnte damit, um dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck zu folgen, ARD und ZDF im Internet freien Raum schaffen, um „Inseln der Qualität“ anzulegen.

          Das ist eine Diffamierung der Tageszeitungen, der Nachrichtenmagazine, der Zeitschriften, ja der freien Presse insgesamt. Damit muss man sich nicht lange aufhalten. Aber ich möchte den Ministerpräsidenten doch generell zugutehalten, dass sie erkannt haben, welche grundsätzliche politische Bedeutung dieser Frage zukommt.

          Schwächen die Verlage ihre Position nicht, indem sie mit den Öffentlich-Rechtlichen kooperieren? ARD und ZDF können sagen: Was wollt ihr? Ihr wollt doch nur von uns profitieren.

          Viele Häuser, auch wir mit „Focus“ und dem Bayerischen Rundfunk, hatten Kooperationen in Vorbereitung. Aber die Verlage - bis auf die WAZ, die mit dem WDR schon weiter war - haben verstanden, dass wir zuerst grundlegende Spielregeln brauchen - sendungsbezogene Inhalte, Verbot elektronischer Presse, zeitliche und finanzielle Begrenzung, Public-Value-Test. Ich habe ein gutes Gefühl, dass wir darüber eine politische Verständigung finden, dass die Ministerpräsidenten daran arbeiten und auch die EU-Kommission in Brüssel im Blick behalten. Wenn der Rundfunkstaatsvertrag neue Regeln festschreibt, dann kann man auch wieder über Kooperationen sprechen. Das ist die richtige Reihenfolge, nicht andersherum.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wie lange geht der Boom weiter? Bulle und Bär auf dem Börsenplatz in Frankfurt am Main.

          Dank Corona : Deutschland wird wieder Aktienland

          Während der Corona-Pandemie haben viele Menschen hierzulande Wertpapiere gekauft. Besonders die Jungen zieht es an die Börse. Ihre Hoffnung: dass der Aktienboom auch im Jahr 2021 weitergeht.
          Alles fake? Eine Nachbildung der Akropolis in Peking

          Querdenker in China : Das historische Komplott

          Auch in China gibt es Querdenker, die gegen den Mainstream anrennen: Der ganze Westen sei eine missratene Kopie Chinas, behaupten sie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.