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Gespielte Dokumentation „Beziehungsweisen“ : Wie erhält man die Liebe?

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Ein Ständchen zählt auch zum Programm der „Beziehungsweisen“ Bild: Calle Overweg

Mit viel Gefühl und Experimentierfreude inszeniert Calle Overweg die „Beziehungsweisen“ dreier Paare, die versuchen, durch therapeutische Beratung ihre Liebe zu retten.

          Als die Therapeutin in Loriots Sketch-Klassiker „Die Eheberatung“ Herrn Blöhmann nach seiner Lieblingsfarbe fragt, gibt dieser eine nur scheinbar ausweichende Antwort. Aus Angst, man könne von der Farbe auf sein eheliches (Fehl-)Verhalten schließen, wählt er vorsichtig ein „Grau, aber nicht so grau, mehr grün-grau, ins Bräunliche. Eine Art Braun-Grau mit Grün, ein Braun-Grün-Grau.“ Hiermit könnte er als heimlicher Vordenker für Calle Overwegs Berlinale-Film „Beziehungsweisen“ durchgehen, denn auch dieser skizziert Beziehungskrisen in Grautönen und Nuancen - sowohl emotional als auch formal.

          In der gespielten Dokumentation sind die Beratenen Schauspieler, die Beratenden echt, die Probleme auch. Da sind zum Beispiel Heiko und Amelie, die ein Kind erwarten, auf das sie sich nicht freuen kann, auch wenn sie will und er drängt, dass sie gefälligst zu wollen habe, obwohl er sie betrogen hat. Die Emotionen, die sich im Film wie im Leben - zu Recht - zwischen Melodramatik und Banalität wahrscheinlich zersetzt hätten, werden hier, unterstrichen von der dunkelgrau-kargen Optik des Besprechungszimmers, differenziert diskutiert. Anja Haverland und Axel Hartwig spielen das Vielleicht-noch-Paar in seiner Ratlosigkeit, Streitlust und Hoffnung so natürlich, wie es nur in einem Hybrid-Genre wie diesem gelingen kann. Dieses macht es geradezu unmöglich, eindeutige Sym- und Antipathien zu entwickeln. Wer recht hat und wer schuld ist in Amelies und Heikos Beziehung genauso schwierig zu bestimmen, wie, im zweiten Fall, über Eva und ihren zaghaften Selbstmordversuch mit „vier oder fünf“ Tabletten zu urteilen. Auch nur halbherzig verdammen lässt sich Dorothea, die sich trotz oder wegen ihrer stabilen Verhältnisse mit Mann und Kindern in einen mittellosen Kameramann verliebt.

          Die Beziehung ist vielleicht zu retten, die Liebe kaum 

          Overwegs Film sträubt sich ebenso energisch gegen feste Kategorien wie seine Protagonisten. So wie Amelie feststellt, „ich bin keine Mutter“, ist „Beziehungsweisen“ mit seinen gespielten echten Emotionen weder authentischer Bericht noch künstlerische Abbildung des Beziehungsalltags. Dafür sorgen auch Flashback-Sequenzen, die dem Zuschauer seine Rolle als solche erst recht bewusst machen. Auf gewollt bühnenartigem, wand- und türenlosem Terrain werden die Ereignisse zur Schau gestellt, die letztlich in die Paartherapie mündeten: aufgedeckte Affären, unendliches Aneinander-Vorbeireden, Arbeitsambitionen der Frau. Paradoxerweise sowohl an Lars von Triers „Dogville“, als auch ans Mutter-Vater-Kind-Spiel erinnernd, scheint dies zwar zunächst befremdlich, wirkt auf den zweiten Blick jedoch vielmehr verfremdend: Wenn sich das ältere Ehepaar Siegfried und Eva (Gerhold Selle und Franziska Kleinert) mal im halbunsichtbaren Auto auf dem Weg in die Oper, mal zwischen vereinzelten Requisiten wie Zuckerstreuer und Topfpflanze vergebens um Gesprächsstoff bemühen oder Herrmann (Leopold Altenburg) seine unsichtbaren Kinder tröstet, zieht dies, nach kurzem Schmunzeln, weg vom Gefühlswirrwarr der Einzelnen zur Reflektion über das Problem an sich: wie man sich die Liebe erhält.

          Überraschend komisch wird es, als sich pseudo-episches zu absurdem Theater wandelt. Wenn, während Dorothea und Hermann ihre Beschuldigungsplatitüden austauschen („Der Kleine braucht seine Mutter!“ „Wir müssen versuchen, zusammen eine Lösung zu finden“), der Wiener Walzer aus dem Off geigt und man sich nicht ganz sicher ist, ob nun der Schauspieler Leopold Altenburg oder seine Figur Hermann sich das Lachen nicht verkneifen können, zeigt sich „Beziehungsweisen“ geradezu selbstironisch. Im Vergleich mit diesen Beziehungsgeplagten war es für Loriots Blöhmanns leicht. Ehekrisengeschüttelt hatten die sich an ihre Therapeutin gewandt, doch kaum hatte die das Paar mittels Kuss-Imperativ und -Attrappe wieder an Zärtlichkeiten gewöhnt, war die Liebe gerettet. Ein allzu hochgestecktes Ziel für Calle Overwegs Figuren. Sie müssen zufrieden sein, wenn ihre Beziehung noch eine Weile überlebt.

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