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Gesichtserkennung bei Google und Youtube : Mutter und Tochter widersprechen einander

So funktioniert Face Blurring: Youtube erklärt seine neue Funktion Bild: Youtube

Youtube ermöglicht es nun, Gesichter beim Hochladen von Videos unkenntlich zu machen. Google indes, die Muttergesellschaft, lässt sich ein Verfahren zur Gesichtserkennung in Videos patentieren.

          Es hört sich alles so einfach an, aber so einfach ist es natürlich nicht: Das Videoportal Youtube hat in dieser Woche eine neue Funktion freigeschaltet, mit der vor der Veröffentlichung eines Clips die Gesichter der Gefilmten automatisch unkenntlich gemacht werden können. Beispielsweise Demonstranten, deren Aktionen auf Youtube dokumentiert werden, wären so besser vor Verfolgung geschützt, und Eltern könnten die entscheidenden Szenen eines Basketballspiels ihrer lieben Kleinen veröffentlichen, ohne gleich aller Welt die Gesichter der Kinder zeigen zu müssen, führt das Unternehmen aus. Der Nutzer könne sich das Ergebnis vor der Veröffentlichung anschauen und das ursprüngliche Video löschen. Allerdings sei es derzeit nur möglich, mit dieser Funktion alle Bildausschnitte mit einem rechteckigen Unschärfefeld zu überdecken, in denen automatisch alle Gesichter erkannt würden - oder keins. Außerdem könne es vorkommen, schränkt Youtube weiter ein, dass ein Gesicht nicht als solches erkannt werde, etwa weil es in einem ungünstigen Winkel oder Licht aufgenommen worden sei.

          Das ist trotz dieser Einschränkungen eine gute Nachricht. Und es wäre eine noch bessere Nachricht, wenn nicht erst Anfang des Monats ein Patentantrag des Mutterkonzerns Google veröffentlicht worden wäre, der dieser neuen Funktion diametral entgegensteht. In der Patentschrift mit der Nummer 8.312.689 wird die automatische Erkennung und Zuordnung von Gesichtern auf Videos beschrieben. Dabei werden nicht nur Gesichter in Videos als solche erkannt, sie werden auch mit mehreren Schlüsselansichten in einer eigenen Datenbank abgelegt, wo ihnen zusätzlich Namen zugeordnet werden können. Dafür soll auch auf externe Quellen zugegriffen werden können.

          Treffsicherheit 99,7 Prozent

          Das Dokument, in dem das Verfahren beschrieben wird, ist auf den Seiten der amerikanischen Patentbehörde auf den 3.Juli 2012 datiert. Der Antrag selbst wurde allerdings bereits am 14.Juli 2008 gestellt, knapp zwei Jahre also nachdem der Suchmaschinenbetreiber das Videoportal aufgekauft hatte, zu einer Zeit, als Facebook erst seit wenigen Monaten im deutschsprachigen Internet verfügbar und die Diskussion um Überwachung und das Recht auf Anonymität im Internet auf einem anderen Stand war.

          Unter dem Titel „Was Gesichtserkennungstechnologie für die Privatsphäre und die Bürgerrechte bedeutet“ hat am Mittwoch in einem juristischen Unterausschuss des amerikanischen Senats eine Anhörung stattgefunden. Die Algorithmen zur Gesichtserkennung seien heute hundertmal besser als vor zehn Jahren, führte dort ein Forscher aus, inzwischen könnten zwei verschiedene Fotos mit einer Treffsicherheit von 99,7 Prozent derselben Person korrekt zugeordnet werden. Der Vorsitzende, Senator Al Franken, warf der Social-Media-Plattform Facebook vor, bereits die Daten eines Nutzers ausgewertet zu haben, bevor dieser überhaupt die Möglichkeit habe, den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie auszuschließen.

          Und wenn ein Verbrechen gefilmt ist?

          Immerhin bei Nutzern unter 13 Jahren wolle Facebook von sich aus auf den Einsatz verzichten, erläuterte der Vertreter dieses Unternehmens bei der Anhörung. Kaum hatte Franken die Kontrolle über die eigenen privaten und biometrischen Daten zu den Grundrechten jedes Menschen gezählt, beschrieb ein FBI-Beamter die Notwendigkeit einer möglichst umfassenden biometrischen Datenbank in seiner Behörde. Was verhindere, dass das FBI Gesichtserkennungstechnologie auch bei politischen Veranstaltungen einsetze, vermochte der Beamte nicht zu beantworten. Dass es geschieht, konnte Franke nachweisen. Zusammen mit der Heimatschutzbehörde DHS verfügt das FBI, wie Jennifer Lynch von der Electronic Frontier Foundation bei der Anhörung ausführte, über eine biometrische Datenbank mit über hundert Millionen Einträgen.

          Das Argument, auch flächendeckende Überwachung diene letztlich nur der Verbrechensbekämpfung, wird nicht länger nur von Sicherheitsdiensten und in der Politik genutzt. Jüngst hat es sich auch Facebook zu eigen gemacht, um die automatische Überwachung der Chats zu rechtfertigen. Bei Youtube finden sich mitunter Videos, mit denen Täter sich ihrer Übergriffe („happy slapping“) brüsten. Müsste nicht verhindert werden, dass sie sich mit der neuen Face-Blurring-Funktion unwiderruflich unkenntlich machen? Oder lässt diese Funktion nicht etwa doch dem Unternehmen die verborgene Option, die Anonymisierung wiederaufzuheben? Wie verhält sich die Youtube-Funktion zu dem beantragten Google-Patent? Unsere Fragen an Youtube blieben fürs Erste unbeantwortet.

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