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„Spiegel 3.0“ : Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich hier und jetzt

Blick auf das Hamburger Verlagshaus des „Spiegel“ Bild: dpa

Die Gesellschafter des „Spiegel“ haben erklärt, wie die Zukunft des Magazins aussieht: digital. Die Frage ist, ob diese Botschaft verstanden wird.

          3 Min.

          Am Ende einer Woche, in der alles auf Krawall gebürstet war, auf Revolte, Umsturz und Chaos, meldete sich beim „Spiegel“ am vergangenen Freitagabend die Stimme der Vernunft. Die Gesellschafter gaben eine Erklärung ab, in der sie einmütig verkündeten, dass sie den Plan des Chefredakteurs Wolfgang Büchner für einen „Spiegel 3.0“ unterstützen. Sie sagen aber auch, dass er sich mit der Redaktion ins Benehmen setzen müsse. Es gelte, „das Projekt ,SPIEGEL 3.0` in enger Zusammenarbeit mit den Redaktionen von ,Spiegel‘ und ,Spiegel Online‘“ zu verwirklichen, „sowohl was die Umsetzung als auch was den Zeitablauf angeht“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bis vor Beginn der Sitzung mochte es manchem so scheinen, der Chefredakteur werde von den Gesellschaftern an die frische Luft gesetzt, wie sich das die Mehrheit der Redakteure des gedruckten Magazins, die am Donnerstagabend eine Petition verfasst hatten, die das Projekt verschieben will, vielleicht auch wünscht. Doch die Gesellschafter haben einen Paradigmenwechsel eingeläutet. Sie geben grünes Licht für einen Prozess, von dem nicht nur die Zukunft des Chefredakteurs, sondern die des „Spiegel“ abhängt. Was hier geschieht, können alle in der Branche als Exempel nehmen. Die Frage ist, ob der „Spiegel“ mit gutem Beispiel vorangeht oder ob er sich von der Zukunft verabschiedet.

          Längst sieht die Gegenwart so aus

          Inhaltlich ist die Zukunftsfrage beim „Spiegel“ im Grunde genommen schon beantwortet. Den „Spiegel 3.0“ des Chefredakteurs finden nämlich alle gut. Die Gesellschafter, die Chefredaktion, die Kollegen von „Spiegel Online“, die eine Anti-Magazinredaktions-Petition aufgelegt haben, die besagt, man solle das alles schnell umsetzen. Sogar die Kritiker des Chefredakteurs beteuern, die Richtung stimme. Nur der Chef eben nicht – er nehme die Kollegen nicht mit, sei kein Blattmacher und nicht der Publizist, den der „Spiegel“ an der Spitze haben müsse. Der Witz ist: Einen Plan B haben die Kritiker nicht und der „Spiegel 3.0“ ist ohne den jetzigen Chefredakteur und den besonnen agierenden Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe so leicht nicht zu haben. All das haben die Gesellschafter bedacht – der Verlag Gruner + Jahr, die Erben Rudolf Augsteins und die fünf Vertreter der mächtigen Mitarbeiter KG, die mit 50,5 Prozent der Anteile für die Mehrheit im Gesellschafterkreis stehen. Sie haben eine salomonische Erklärung abgegeben, ein konstruktives Misstrauensvotum. Es ist ein Arbeitsauftrag für den Chefredakteur, aber auch für alle Redakteure des Magazins und von „Spiegel Online“, ja ein Aufruf an alle Mitarbeiter des Verlags: Rauft euch zusammen, legt los, nehmt euch so viel Zeit, wie ihr braucht, trödelt nicht und vor allem: Hört auf, euch selbst zu zerfleischen. Setzt euch hin und fügt den gedruckten Qualitätsjournalismus des „Spiegel“ mit „Spiegel Online“ und mit besagtem „Spiegel 3.0“ zusammen – einem Heft, das auf dem Papier beginnt und sich online vertiefend öffnet.

          Damit das klappt, braucht der „Spiegel“ eine neue Redaktionsstruktur. Und die war der Stein des Anstoßes. Die Ressortleiter sollen künftig für Online und das Heft zuständig sein. Und das ist für viele vom gedruckten Magazin, die „Spiegel Online“ oder den Online-Journalismus generell mit einer gewissen Herablassung betrachten, ein Ding. Vierundzwanzig Stunden am Tag in zwei Geschwindigkeiten unterwegs sein, in zwei Formaten denken und handeln? Genau so sieht nicht nur die Zukunft, sondern eigentlich längst die Gegenwart eines Journalismus aus, der sich weder der ahnungslosen Aktualität und der Herrschaft des Banalen ergeben, noch als bildungsbürgerliche Sättigungsbeilage vergammeln will.

          Was vom Qualitätsjournalismus übrig bleibt

          Sich von diesem Denken in zwei vermeintlich getrennten Welten zu verabschieden, fängt mit gesamtverantwortlichen Ressortleitern an. Das Dumme ist, dass das dem Chefredakteur des „Spiegel“ als böse Absicht ausgelegt wurde. Er wolle seine härtesten Kritiker (die Ressortchefs) erledigen, indem er ihre Stellen neu ausschreibe. Was sich durch die Neubesetzung allerdings erst zeigen wird und was die Gesellschafter in ihrer Erklärung auch für richtig befunden haben. Drei neue Ressorts soll es geben – Zeitgeschichte, Bildung und Netzwelt –, ansonsten dürfte sich bei der Anzahl der Ressortchefs und ihren Stellvertretern nicht viel ändern. Hätte der Chefredakteur anderes vor, wären ihm die Gesellschafter in die Parade gefahren. Sie setzen auf einen Versöhnungskurs, verlangen ihn von allen.

          Beim „Spiegel“ kommt es jetzt darauf an, dass die handelnden Personen über ihre Schatten springen und nicht zum letzten Tango auf der „Titanic“ bitten. Eigentlich ist der „Spiegel“ mit seinem Plan vielen anderen voraus. Das Konzept hat das erste Stadium der Arbeitsreife erreicht. Man kann sich vorstellen, was möglich ist, wenn von 250 Print-Redakteuren nicht, wie eben jetzt, mehr als achtzig Prozent eine Petition dafür unterschreiben, mit den Neuerungen noch zu warten, und die Online-Kollegen eine Resolution aufsetzen, umgehend loszulegen. Viel Zeit sollte sich der „Spiegel“ nicht lassen. In den nächsten zwei, drei Jahren wird sich entscheiden, was vom Qualitätsjournalismus übrig bleibt. Nicht nur beim „Spiegel“.

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