https://www.faz.net/-gqz-weuy

Geschichte im Fernsehen : Hitlers Trommler und die Leichenfledderei

  • -Aktualisiert am

Unser Lehrer Doktor Knopp Bild: obs

Dokumentationen über das Dritte Reich sind im Fernsehen Quotengaranten. Jetzt hat ein Historiker erforscht, was die unterschiedlich gebildeten Zuschauer aus Geschichtsfilmen mitnehmen. Die der F.A.Z. vorliegenden Ergebnisse überraschen.

          3 Min.

          Geschichte im Fernsehen ist seit Jahren schon ein Quotengarant, vor allem, wenn Hitler mitspielt. Guido Knopp verdankt dem historischen Interesse seine zahlreichen Filmerfolge, von „Hitlers Helfer“ über „Hitlers Krieger“ bis zur fünfteiligen Dokumentation „Die Wehrmacht. Eine Bilanz“, die in den vergangenen Wochen zur Hauptsendezeit im Zweiten zu sehen war. Wobei die Knoppschen Erfolge sich in erster Linie auf die Quoten beziehen, seit einigen Jahren das Mantra auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, weniger auf die Qualität des Gebotenen.

          Doch bei aller Kritik aus Feuilleton und Wissenschaft an der Aufmachung der Sendungen und am Ungleichgewicht von Täter- und Opferperspektiven (der jüngsten Produktion zur Wehrmacht konnte man allerdings zugestehen, dass sie sich um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse bemühte): Bis heute fehlt es an Forschung, die nachvollzieht, was das populäre Genre „Geschichte im Fernsehen“, zu dem auch Geschichtslehrer gerne greifen, wenn die Stundenvorbereitung knapp ausfiel, beim Betrachter auslöst: Wirkungsforschung also.

          Gutes Vorwissen schützt

          Nun hat Sönke Neitzel, Historiker in Mainz und seit Jahren einer der historischen Berater im Knopp-Team des ZDF, auf eigene Faust den Versuch unternommen, die jüngste ZDF-Produktion zu evaluieren. Das ist keine ganz unabhängige Position zum Film, in dem er selbst als historischer Experte vor und als Berater hinter der Kamera agiert. Ein Appell, sich der Wirkung des Gezeigten bewusstzuwerden, ist es dennoch. Insgesamt sechs Gruppen, Schüler der Stufen neun, elf und dreizehn, Studenten im Grund- und Hauptstudium sowie Seniorenstudenten, 113 Personen zusammen, hat Neitzel Fragen zur Wehrmacht und zum Zweiten Weltkrieg beantworten und dann den zweiten Teil des ZDF-Wehrmachtsfilms, der sich mit der „Wende des Krieges“ und dem Ostkrieg beschäftigt, vorführen lassen. Anschließend war ein zweiter Fragebogen auszufüllen, der neben Wissensfragen auch solche nach der Bewertung des Gezeigten stellte. Die statistische Auswertung der Befragung und die einzelnen Auskunftsbögen liegen dieser Zeitung vor - sie bergen Überraschendes.

          Grundsätzlich lässt sich sagen: Je ausgeprägter das Vorwissen, desto weniger Einfluss lässt sich durch die Dokumentation erkennen. Auch am Festgefügten kann sie nicht rütteln: Alle Seniorenstudenten wollten in den einfachen Soldaten vor allem Opfer sehen, nur einer gab nach dem Film an, die Soldaten seien auch Täter im Weltanschauungskampf gewesen. Hier urteilten alle anderen Gruppen differenzierter. Vor allem die Geschichtsstudenten in Grund- und Hauptstudium, aber auch die älteren Schüler nehmen den Film als zusätzliche Information an, beantworten aber Fragen, die der Film auslässt, aus eigenem Hintergrundwissen.

          Unwissende profitieren

          Anders die Schüler der Klassen elf und neun. Vor allem bei den jüngeren Schülern traf der Film auf geringe Vorkenntnisse. Die Zeit des Nationalsozialismus wird erst in Schuljahr zehn behandelt, und entsprechend fällt die Befragung vor dem Film aus. Um es positiv auszudrücken: Unbelastet ging diese Gruppe an das Thema heran. Die Schüler erahnten den Krieg in einer Zeit um 1930 und ließen Fragen, etwa jene nach Kriegsverbrechen, oft unbeantwortet.

          Nach dem Film nun steigt die Auskunftsbereitschaft. Einfache Wissensfragen, nach dem Codenamen des deutschen Angriffs oder nach Opferzahlen, werden meist korrekt beantwortet, wobei die Vorherbefragung sensibilisiert haben dürfte, worauf zu achten ist. Anderes ergibt sich bei weiter gefassten Fragen, nach Kriegsverbrechen etwa. „Verrat“ oder „Angriff aus dem Hinterhalt“ waren Rateversuche vor dem Film. Danach sind Tötung und Folter von Kriegsgefangenen sowie „Leichenfledderei“ die Hauptantworten, resultierend aus dramatischen Szenen im Film, der jedoch die Verbrechen wie die Beteiligung der Wehrmacht am Judenmord oder den Kommissarbefehl erst in Folge drei ausführlich thematisiert.

          Die suggestive Kraft des Einzelschicksals

          Auch in Klasse elf wird aus dem Film vor allem die Behandlung der Kriegsgefangenen und „Leichenfledderei“ als Kriegsverbrechen abgeleitet - hier nimmt die Antwort „Unterstützung der SS und des Holocaust“ gegenüber der ersten Befragung sogar ab. Der Film hat diesbezüglich also Wissen verschüttet. Einzelfälle, sicher, aber dies legt doch den Blick frei auf kaum vorgebildete Zuschauer, hier die Schüler, die ebendiese eine Dokumentationsfolge und nicht die in der nächsten Woche sehen: Da bleibt dann Leichenfledderei als Hauptkriegsverbrechen im Ostkrieg hängen.

          Generalisierendes lässt sich aus der Stichprobe schwerlich ableiten. Einer wirklich spannenden Frage kommt man mit ihr zudem nicht auf die Spur: Wie ist es mit der suggestiven Kraft der Schicksale der Landser, die als Zeitzeugen ausführlich zu Wort kommen? Setzt sich ihre Sichtweise beim Betrachter, gerade beim geringer Vorgebildeten, vielleicht stärker durch, weil sie Emotionen transportieren, während die nackten Zahlen des Kommentators oder die differenzierten Antworten der Experten dagegen farbloser und damit weniger eingängig wirken? Um dies herauszufinden, wären wohl andere Fragen und ein anderes Vorgehen nötig.

          Es wird Zeit, dass die Forschung das ein oder andere Gender- und Generationenprojekt auslässt, mit denen wir derzeit überschwemmt werden, und sich der Frage der Wirkung von Geschichte im Fernsehen annimmt, die breite Bevölkerungsschichten betrifft, als zusätzliches, oft wohl auch als einziges Informationsmedium. Dass all das Tamtam der Knoppschen Produktionen vielleicht nicht nur popularisierende - Geschichte als Volksmusik -, sondern regelrecht verzerrende Wirkung entfaltet, die all die Bemühungen, die neuesten Forschungsergebnisse darzustellen, konterkariert, wird man beim ZDF wohl ohnehin erst, wenn überhaupt, glauben, wenn man es bewiesen bekommt.

          Weitere Themen

          Jetzt ist Jesse dran

          Netflix-Film „El Camino“ : Jetzt ist Jesse dran

          Vince Gilligan hat die legendäre Serie „Breaking Bad“ erfunden. Jetzt schiebt er den Film „El Camino“ nach. Er handelt von Jesse Pinkman, der Nummer zwei der Drogensaga. Lohnt sich die Reprise?

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.
          Das Brexit-Abkommen sei nur ein erster Schritt, dem die Regelung des Verhältnisses zwischen der EU und dem Nichtmitglied Großbritannien folgen müsse, sagt Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier.

          Ringen um den Brexit : Gibt es doch noch einen neuen Deal?

          Noch ist in den Brexit-Verhandlungen alles offen. Doch in Brüssel wird bereits mit Argusaugen verfolgt, wie sich jene Unterhaus-Abgeordneten positionieren, auf deren Unterstützung Johnson für ein Abkommen angewiesen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.