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Film über Patientenmörder : Der nette Psychopath von nebenan

  • -Aktualisiert am

Rico Weber (Kostja Ullmann) Bild: RTL

Die Handlung sei erfunden, heißt es vorab, doch weiß jeder, auf welchen wahren Begebenheiten der Film „Das weiße Rauschen“ beruht: dem Massenmord des früheren Pflegers Niels Högel. In dessen Rolle ist Kostja Ullmann eine Bestbesetzung, und der Film verdient das Prädikat auch.

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          Dieser Film beginnt und endet mit einer Einordnung. Er beruhe auf wahren Begebenheiten, Filmhandlung, Schauplätze und Figuren seien aber „frei erfunden“. Mag sein, dass die Produktion sich damit juristisch absichern will. Auch dass der Fall Niels Högel, des schlimmsten Serienmörders der jüngeren deutschen Geschichte, als Justizskandal gesehen wird, spielt keine Rolle. Es geht stattdessen um ein „System, in dem Gewinnmaximierung vor Patientenwohl geht und der Pflegenotstand bereits eingepreist ist“. Erst am 6. Juni 2019 wurde Högel, der zwischen 1999 und 2005 in Krankenhäusern arbeitete, nach langjähriger Ermittlung wegen der nachgewiesenen Morde an 85 Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Prozessbeobachter vermuten, es sei nur die Spitze des Eisbergs zum Vorschein gekommen. Mindestens 200 Morde, heißt es, könne Högel begangen haben. Für viele Angehörige bleibt Ungewissheit.

          Ein Spielfilm über den „Todespfleger“, ein Fall, der nicht nur das Böse darstellt, auch systemische Schwächen der Krankenhausorganisation freilegt und das gesellschaftlich diskutierte, auch angstbesetzte Thema Pflege wie im Brennglas vergrößert, verwirklicht durch einen Privatsender – wird da nicht der Bock zum Gärtner? Nach dem Motto: RTL+ (das Streamingangebot des Senders) plus der Fall Niels Högel plus Fiktion gleich reißerischer Thriller. Oder, mit Akzentverschiebung, Übermenschen-Heldengeschichte, in etwa so: Ein Fähnlein aufrechter Pfleger stellt sich gegen das schwarze Schaf in ihren Reihen, besteht den aussichtslosen Kampf gegen Krankenhausleitungen, die das Vertuschen als Arbeitsplatzbeschreibung verstehen. David gegen Goliath, mittendrin der „Todesengel“.

          Hochgefühle der Macht über Leben und Tod

          Nichts davon bietet „Das weiße Schweigen“, auch wenn in einer Meeting-Szene zwischen der Leitung des fiktiven „Landeskrankenhauses“ und den Pflegekräften beide Seiten am langen Konferenztisch gegenübersitzen wie Kombattanten, von denen nur eine Seite die Verpflichtungen des Heilberufs kennt und die andere in Excel-Sheets lebt. Der Film verzichtet auf Heldenhaftes und Dämonisierungen, nimmt Handlung und Darstellung zurück. Psychologische Erklärungen für das Agieren des Pflegers Niels Högel, der hier Rico Weber heißt, gibt es nicht. Stattdessen sieht man Rico bei seinen Taten ins Gesicht. Sieht seine Euphorie, wenn ein Patient, dessen Genesung ohnehin auf Messers Schneide steht, von ihm, dem Reanimierungsspezialisten, ins Leben zurückgeholt wird. Kostja Ullmann, auf den ersten Blick optisch eine Fehlbesetzung, spielt das gnadenlos gut. Ein eigentlich unsicherer Mensch, ein Aufreißertyp, der ständig seine Wirkung auf die Umgebung testet, erlebt Hochgefühle der Macht über Leben und Tod. Gelingt die Reanimation – bei gerade Verstorbenen, die er freilich zuvor selbst in den Tod gespritzt hatte –, belohnt den Pfleger die Anerkennung der Ärzte und Kollegen. Gelingt die Wiederbelebung nicht, sackt Ullmanns Rico in sich zusammen wie ein Ballon ohne Luft, wird aggressiv, haut ab.

          Vor allem aber geht es in „Das weiße Schweigen“ aber um Strukturen. In schnellen Schnitten wechselt der Film zwischen Gerichtssaal und den Vorgängen, die zur Anklage führen. Die Perspektive ist personal, mitfühlend. Die Pflegerin Clara, gespielt von Julia Jentsch, ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Clara Horn ist neu als Pflegerin auf der kardiologischen Intensivstation des „Landeskrankenhauses“, hat aber vor Jahren dort schon gearbeitet. Stationsleiterin Barbara Heckel (Elena Uhlig) muss den Mangel an Pflegekräften verwalten, ist gestresst und mehr als bereit, im Verdachtsfall Rico ein Auge zuzudrücken. Pflegekollege Max (Rouven Israel) wird sogar ungehalten, als Clara ihn auf ihren Verdacht anspricht. Rettet Rico nicht mehr Patienten als irgendwer sonst? Und wer hat die Zeit, neben all den Buchführungsunterlagen auch noch jede Medikamentenbestellung zu kontrollieren? Rico beschwert sich wegen Mobbings, die Krankenhausleitung lobt ihn nach Ereignissen in einer Sturmnacht, in der drei Genesende mit bester Prognose versterben, mit einem ausgezeichneten Zeugnis weg. In die nächste Klinik, wo Clara schließlich unter den Pflegern Verbündete mit Zivilcourage statt geschlossene Gesellschaft mit Abhängigkeitsverhältnissen findet.

          Niels Högel arbeitete mehr als fünf Jahre in Kliniken. In seinen Schichten wurde zum Teil die siebenfache Dosis potentiell tödlicher Medikamente verbraucht. Nachdem in einem ersten Prozess nur wenige Fälle aufgedeckt wurden, sollte ein zweiter 2019 Klarheit bringen. Die Prozessführung durch den Richter war höchst ungewöhnlich. Nicht der Täter, sondern die Opfer bekamen Aufmerksamkeit, fast wie in einem Untersuchungsausschuss. Auch hier verändert „Das weiße Schweigen“ die Darstellung. Die Spielfilm-Richterin ist übersachlich, fokussiert die Ermittlung des Schuldanteils von Krankenhausmitarbeitern und -leitung, die sich an nichts erinnern mögen. In dramatischer Hinsicht hätten die Regie von Esther Gronenborn (auch Buch, zusammen mit Sönke Lars Neuwöhner) und die sachliche, oft quasidokumentarische Kamera von Christoph Krauss die Facetten des „Falls Högel“ kaum angemessener gestalten können. Ihr Verzicht auf Sensationelles zugunsten der Aufklärung wird bis ins Detail klar. Der letzte Blick fällt auf weiße Kreuze, jedes repräsentiert ein Opfer. Dass Kostja Ullmann den Mörder spielt, erweist sich als Besetzungscoup. Sein „Todespfleger“ ist ein attraktiver Typ, der Psychopath von nebenan, dessen Täterschaft man sich gewohnheitsmäßig „nicht vorstellen“ kann. „Das weiße Schweigen“ vermeidet Erklärmodus wie Sensationsmache. Es geht um individuelle Schuld und strukturelle Verantwortung, publikumsnah, fiktional zugespitzt, ohne Vereinfachungen. Im Zentrum stehen die Menschen, die in Lebensgefahr auf Intensivstationen eigentlich sicher sein sollten, die bestmögliche Versorgung zu erhalten.

          Das weiße Schweigen ist bei RTL+ abrufbar.

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