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Aktion „allesdichtmachen“ : Alles nicht so einfach

Will uns etwas sagen: Jan Josef Liefers Bild: allesdichtmachen.de

Rund fünfzig Schauspieler und Schauspielerinnen machen sich mit der Aktion #allesdichtmachen über die Corona-Politik und die Medien lustig. Unter #allesschlichtmachen bekommen sie Kontra. Hüben wie drüben herrscht Flachsinn.

          3 Min.

          Es gibt in unserem Land nicht nur das Recht auf freie Meinungsäußerung, es gibt auch das Recht auf misslungene Satire. Davon machen gerade mehr als fünfzig Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihrer Aktion unter dem Hashtag „allesdichtmachen“ Gebrauch.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit bösem Sarkasmus loben sie die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie und die angeblich ihr ergebene Presse. Sie machen es sich ziemlich leicht. Diejenigen, die über Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur, Heike Makatsch, Ulrike Folkerts und all die anderen herfallen, sie am äußersten rechten Rand der Gesellschaft und in der „Querdenker“-Szene verorten, allerdings auch.

          Jan Josef Liefers bedankt sich „bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben“. Ulrich Tukur will „nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden“ dichtmachen, sondern „auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte“. Richy Müller pustet in Plastiktüten, um nur gesunde Luft einzuatmen und Aerosole unter Kontrolle zu halten, Heike Makatsch macht die Tür gar nicht mehr auf. Ulrike Folkerts will „mehr“ von allem, also mehr Verbote und Einschränkungen, damit sie bald wieder ans „Meer“ kann. Meret Becker liest gestelzt vor, unser Leben „sei so viel schöner geworden“ durchs Distanzhalten, sie könne sich schon gar nicht erinnern, wie es früher war.

          Felix Klare erklärt, warum er seine Kinder züchtigt. Volker Bruch bittet um mehr „Angst“, davon könne es gar nicht genug geben. Nicholas Ofcarek hat sich so sehr an das Distanzhalten gewöhnt, dass er es nicht missen möchte und hätte gerne nach der Corona-Pandemie einen weiteren Grund für den Lockdown. Martin Brambach zeigt gern mit dem Finger auf andere Leute, um ihnen zu sagen, was sie falsch machen. Gemeinsam mit Christine Sommer flitzt er zum Ein- und Ausatmen zwischen zwei Zimmern hin und her. Nina Gummich ist froh und glücklich, dass sie keine eigene Meinung mehr hat. Und Hanns Zischler distanziert sich von allem, von der Corona-Politik, von den Gegnern der Corona-Politik, von sich und vom Leben selbst.

          Allein Zischlers Beitrag ist von einer Tonalität gekennzeichnet, welche die übrigen Wortmeldungen nicht transportieren: Zweifel und Selbstzweifel. Den kennen die anderen, die da vorsprechen, augenscheinlich nicht. Noch weniger kennen ihn Lautsprecher wie Böhmermann und andere, die auf Twitter gegen die Aktion poltern und sich nun unter den Hashtags „allesschlichtmachen“ und „allenichtganzdicht“ sammeln.

          Hier wie dort sind Sarkasmus oder Verdammung die Mittel der Wahl, simple Reflexe plus Rasterfahndung: Wer hat sich das ausgedacht, wer bekommt von wem Applaus? Dass es sich bei dem Ganzen um „Kunst“ handeln könnte, wie der Initiator der Aktion, der Produzent Bernd K. Wunder, dem „Spiegel“ auf Anfrage sagte, kommt den Kritikern der Aktion nicht in den Sinn. Ihnen reicht es, dass Hans-Georg Maaßen die Sache gelungen findet, um zu wissen, dass es hier mit dem Teufel zugeht. Die Reaktion des Moderators Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist, nehmen wir hier ausdrücklich aus.

          Mehr als Sarkasmus und peinlich aufgesagte Texte – Meret Becker fällt da besonders auf, Heike Makatsch hat ihr Filmchen aus Furcht vor Vereinnahmung von rechts schon wieder zurückgezogen –, haben die Schauspielerinnen und Schauspieler von „allesdichtmachen“ freilich auch nicht zu bieten. Ihre Auftritte suggerieren, die Maßnahmen der Politik seien samt und sonders sinnlos und von bösen Absichten bestimmt. Sie unterstellen zudem, die Medien transportierten nur eine Sicht der Dinge – die der Regierung. Das eine wie das andere ist so unterkomplex wie unzutreffend, dass man es nicht witzig finden kann.

          Seit einem Jahr wird ununterbrochen über den richtigen Weg zur Bewältigung der Pandemie gestritten. Gesicherte Erkenntnis ist allein, dass niemand über die allein seligmachende Wahrheit verfügt. An der Dekonstruktion der kritischen Auseinandersetzung durch Argumente wiederum haben auch Medien mitgewirkt – die „Bild“-Zeitung mit ihrer irren Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten, der „Spiegel“ mit seiner Kampagne gegen dessen Kollegen Hendrik Streeck.

          Liest vom Blatt: Meret Becker.
          Liest vom Blatt: Meret Becker. : Bild: allesdichtmachen.de

          Er setze sich „kritisch mit den Entscheidungen meiner Regierung zu Sars-CoV-2 und Covid-19 auseinander. Besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche. Auch im jüngsten Video, das ein ironischer Kommentar über Prioritäten von Medien war. Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück“, stellte der Schauspieler Jan Josef Liefers am Freitagmorgen klar. „Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt.“

          Da war „allesdichtmachen“ schon unter die Räder gekommen. Sollte das der Versuch gewesen sein, auf die Nöte der Kunst- und Kulturszene in der Pandemie hinzuweisen, darf man ihn als krachend gescheitert betrachten. Etwas mehr kritische Masse würde man sich in der „kritischen“ Auseinandersetzung an dieser Stelle sehr wünschen.

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